Dies hat wahrscheinlich so gut wie jeder in der letzten Zeit mitbekommen: Es herrscht akuter Handwerkermangel!

Doch man fragt sich: Wie konnte es soweit kommen? Handwerker waren einst sehr gut angesehen. Sie stellten etwas dar. Eltern waren froh und überglücklich, wenn sie ihr Kind in einem Handwerksbetrieb als Lehrling unterbringen konnten. Man war sich sicher: Die Kinder konnten dann etwas und ihre Existenz war gesichert.

Heute reißen sich die Betriebe um die wenigen guten Gesellen und willigen Lehrlingsanwärter; Um diejenigen die wirklich was drauf haben und arbeiten wollen. Dazu kommen jetzt noch die enorm geburtenschwachen Jahrgänge. Der Arbeitsmarkt ist wie leer gefegt

Die Aufträge stapeln sich und man weiß nicht mehr wohin mit der vielen Arbeit. Einige Betriebe müssen schon Aufträge ablehnen, da sie bis über beide Ohren mit Arbeit eingedeckt sind. Überstunden sind die Regel, weit über das gesetzlich vorgegebene Maß hinaus. Trotz allem ist die Bezahlung nach wie vor ein Manko. Der Endkunde feilscht um jeden Cent und Aufträge, die schwarz bezahlt werden können, stehen hoch im Kurs. Viele Handwerksbetriebe bewegen sich am Rande der Illegalität. Sie werden von Staat und Endkunde dazu getrieben, um wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Besonders die Handwerksbetriebe, die Werkstück-abhängig lange für einen Auftrag benötigen, stehen oft am Rande der Existenz oder machen ihren Arbeitern unnötigen Druck, um wettbewerbsfähig bleiben zu können. Ein Beispiel: Ein Automechaniker ist schneller fertig, als ein Tischler. Der Automechaniker hat einen höheren Stundensatz, kostet jedoch weniger, da der Auftrag schneller erledigt ist. Der Tischler hat einen verhältnismäßig niedrigen Stundensatz, die Endsumme ist jedoch oft höher, da die Werkstücke mehr Zeit benötigen.

Auf unseren Großbaustellen sieht man Autos aus Deutschland, Tschechien, Polen und Ostösterreich. Scheinbar arbeiten Menschen die dort beheimatet sind, billiger beziehungsweise, diese verdienen hier mehr.
Freie Marktwirtschaft. Es wird dort gearbeitet, wo man mehr Geld für seine Arbeit bekommt.

Diejenigen, die jedoch Vorort sind und dort arbeiten und leben und ihrem Umfeld und Land treu bleiben, sehen oft ins Ofenrohr. Sie verdienen gerade so viel, dass es zum Leben reicht. Reich werden sie damit nicht. Aufsteigen im Sinne von Besitz erwerben funktioniert, wenn überhaupt, nur mit massiver Mehrarbeit und Fleiß. Freizeit ist ein Fremdwort und wird oft auch als sinnlos erachtet, wenn Besitz angestrebt wird. Es gibt nur ein entweder, oder. Außer natürlich, man darf sich über eine Erbschaft freuen, dann wird vieles leichter. Vermögensaufbau durch Erbschaft ist die einzige Option, die viele noch haben, wenn eine Erbschaft in Aussicht steht, was natürlich auch nicht selbstverständlich ist.
Gleitzeit? Frei nehmen für die Familie? Zeit für die Familie? Ist für viele Handwerker keine Option. Diejenigen, die dies tun, werden in der Branche schief angesehen und müssen, logischerweise, mit finanziellen Einbußen rechnen.

Ein normaler Facharbeiter oder Arbeiter aus der Mittel- oder Unterschicht, der Vollzeit arbeitet und evtl. sogar noch Familie hat, hat schlicht und ergreifend keine Zeit und auch keine Ressourcen für mehr als seine Arbeit. Der ist froh, wenn er abends zu Hause ist und dort noch seine regulären, familiären Dinge erledigen kann, um dann später, hundemüde und  geschafft vom Tag, ins Bett zu fallen. Freizeitaktivitäten nach der Arbeit, als Ausgleich vom stressigen Arbeitstag? Das sind Dinge, die wohl nur auf höher privilegierten Berufsstände zutrifft.

Diejenigen, die man im Volksmund abfällig als Bürojobbler bezeichnet, sind oftmals dann die, die sich über den politisch angestrebten 12h Arbeitstag aufregen, weil sie Angst haben, mehr arbeiten zu müssen für weniger, beziehungsweise gleich viel Geld… Derweil will man nur diejenigen aus der Illegalität holen, die dies ohnehin schon tagtäglich tun müssen, weil es gar nicht anders geht. Handwerker, Pfleger, Dienstleistungsberufe allgemein. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille.

Im Grunde müssen alle viel arbeiten, nur mit dem Unterschied, dass diejenigen, die einer körperlich anstrengenden Arbeit nachgehen, meistens nicht viel davon auf ihrem Konto sehen.

Arbeit mit modernen Kommunikationsmitteln und Kopfarbeit beziehungsweise Denkarbeit hat, auch finanziell gesehen, einen höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft. Das ist traurig! Laut mir müsste es anders herum sein oder wenigstens angeglichen. Was kann ein Mensch, der studiert oder eine Ausbildung absolviert hat, die z.B. mit modernen Kommunikation zu tun hat, besser? Er ist in seinem Fachgebiet gut, aber andere Dinge, wie z.B. das Handwerkliche wurden dafür sehr oft nicht gefördert und so kommt es, dass man eine Tischler kommen lässt, um ein Bild mit einem Nagel aufzuhängen… Alles schon erlebt.

Je nachdem natürlich, aus was für einem Elternhaus man kommt. Es gibt durchaus Eltern, die ihren Kindern nicht nur Wissen für den Kopf eintrichtern, sondern wollen, dass sie auch mit ihren Händen was können.
Aber wir, meine Generation, wurden regelrecht dazu erzogen! Sobald man eine höhere Schule besuchte, durfte man gar keinen normalen Handwerksberuf mehr erlernen. Das war eine Art ungeschriebenes Gesetz.
Eine Lehre im Handwerk hat man mit einem Hauptschulabschluss gemacht. Realschule war dann die technisch hochwertigeren Berufe, die medizinischen Ausbildungsberufe oder die Ausbildungsberufe aus dem Finanzwesen und Abitur hat man gemacht, wenn ein Studium angestrebt wurde. Demzufolge ordnete man Handwerker eher in der niedrigen Gesellschaftsschicht an. Wie hochnäsig! Heute hat man den Salat.

Wenn es der Schulabschluss zuließ, mied man eine handwerkliche Ausbildung oder hat nach erfolgreich absolviert Ausbildung alles getan, um weitermachen zu können. Geselle ein Leben lang? Unvorstellbar! Beruflicher Stillstand geht nicht. Man MUSS weitermachen, sonst ist man nichts.

Traurig. Den gesellschaftlichen Wert eines Menschen anhand seines Berufstandes auszumachen. Nicht von seinem Können.

Wer sagt denn, dass ein Mensch mit Abitur und abgeschlossenem Studium besser im Leben zurecht kommt? Niemand. Und darauf kommt es im Alltag an, wie man in und mit seinem Leben zurechtkommt. Qualifikationen und Titel sind irrelevant. Ich behaupte, dass ein menschlich gesehen einfacher Mensch, der mit Herzblut und Hausverstand sein Leben und seinen Beruf angeht, besser im Leben zurechtkommt, als jemand, der, wie meine Schwiegermutter so treffend sagt: “Sich seinen Hausverstand wegstudiert hat.” Aber nun gut, natürlich darf man das, wie alles, nicht allgemeingültig sehen bzw nehmen.

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