Abkürzungen in diesem Beitrag: HS = Hochsensibilität oder auch Hypersensitivität

Ein weiterer Aspekt der Hochsensibilität, die mich aufgrund der Erlebnisse und Erfahrungen in der letzten Zeit brennend interessierte, war die Frage:

Können HS überhaupt mit anderen HS’len befreundet sein?

Mir ging rückblickend auf, dass alle Menschen, mit denen ich wirklich persönlichen Stress und Ärger hatte, bei denen mir die Worte die sie zu mir sagten wirklich weh taten und mich persönlich trafen, bei denen ich mich stundenlang, wochenlang, monatelang um jedes gesagte Wort drehte, wohl auch HS waren und sind. 

In dem Buch, welches ich unter folgendem Beitrag mit-vorstellte: Innere Unruhe, wird beschrieben, dass sich HS untereinander erkennen. Besser gesagt, wenn man sich seiner HS bewusst ist, erkennen kann, war auch HS ist.
Klar, dass ich dies gleich ausprobierte und meine ganze Familie, Bekannten und Freunde innerlich scannte. Bei ein paar Personen bin ich mir unsicher, bei ein paar Menschen ist es glasklar und bei wieder anderen war dies absolut nicht der Fall. Ein paar sind einfach normal-sensibel mit ein paar Tendenzen zur HS, was jedoch nicht auf eine klare HS hinweist.

Ein paar Beispiele von HS’len:

Eine Nachbarin von mir ist HS und ich berichtete ihr auch von meiner Vermutung. Sie ist ein harter Brocken für mich. Ich bin auf Abstand zur ihr gegangen (habe sie aus den Social Media Kanälen aus meiner Freundesliste entfernt). Nicht, weil ich sie nicht mag, sondern weil sie mich innerlich immer wieder aufwühlt und beunruhigt.

Dabei sind es nicht ihre Worte und ihr Geschriebenes, sondern die Art und Weise, wie sie dies tut und auch wie sie sich in der ein oder anderen Situation verhält. Damit komme ich nicht klar. Ich mag sie echt gerne, aber sie wird wohl nie eine beste Freundin werden. Dass ich diesen Anspruch einst hatte, beweist eigentlich nur wieder meine HS. Im nachhinein bereue ich es, sie zu nahe an mich heran gelassen zu haben. Aber das war mein Fehler, nicht ihrer. Sie sollte sich bitte davon auch nicht angegriffen fühlen, falls sie das liest… Was durchaus möglich wäre.

Wenn wir uns treffen, möchte ich einfach normal mit ihr reden. Man kann gerne auch über Probleme etc reden, aber Nähe möchte ich für mich persönlich keine mehr zulassen. Mal sehen, ob ich dies schaffe. Ich mag sie und schätze sie.

Ich muss mehr lernen, die Menschen die mich umgeben und die ein Potential hätten, mir nahe sein zu können, besser zu selektieren.

Das soll in jetzt in keinster Weise überheblich klingen, sondern ist einfach Selbstschutz.

In meinem ehemaligen Hauskreis (Smallgroup) war und ist die Leiterin auch HS. Ich mag sie unglaublich gerne! Aber die von mir gewünschte Nähe und Intensität in diesem Kreis kam nie zustande. Gut, lag wohl auch mit daran, dass unsere Kinder immer mit dabei waren. Es war ein Mutter- Kind- Hauskreis. Da kann man natürlich nie wirklich langanhaltende, intensive Gespräche führen. Die andere Frau, die auch noch mit dabei war, blockte bei mir wichtigen und ernsten Themen ab- sie konnte solche Themen nicht ertragen. Lag vielleicht daran, dass sie dazumal grad schwanger war, wer weiß. Daher war dann für mich irgendwann die Luft raus.

Allerdings war es meine Hauskreisleiterin, die mich in späterer Folge auf die HS brachte. Dafür bin ich ihr bis heute unendlich dankbar! <3

Sie lebt mittlerweile seit über zwei Jahren mit ihrer Familie in Kambodscha und wir haben regelmäßig, unregelmäßigen Kontakt über Whatsapp. Mit ihr konnte ich zum ersten Mal über all dies reden und es tat mir unglaublich gut. Danke dir, falls du das liest! <3

Allerdings denke ich nicht, dass daraus eine fixe, feste Freundschaft geworden wäre, wäre sie hier geblieben. Obwohl ich sie sehr schätze und gerne mag und auch ihre ganze Familie. Sie hat einen sehr lieben Ehemann und tolle Kinder und ich freue mich jedesmal unglaublich, wenn ich sie sehen darf, bzw wenn sie hier auf Heimaturlaub sind.

Ein weiterer “Kollege” (Kumpel), zu dem ich nie die gewünschte Nähe aufbauen konnte, obwohl ich gerne getan hätte, auf freundschaftlicher Basis, könnte nun im nachhinein auch HS sein. Aber Männer ticken in vielen Dingen von Grund auf anders als Frauen, von dem her bin ich mit ihm nie übers Kreuz geraten. Allerdings weiß ich, dass er von meinem Selbstschutz-Verhalten früher (übersteigertes, lautes Verhalten in Gesellschaft) oft genervt war und er im Grunde auch ein in sich gekehrter Zeitgenosse war und ist. Als ich dann geheiratet hatte und dadurch innerlich und äußerlich zur Ruhe kam (mal wieder ein dickes, fettes Lob an meinen Ehemann!!!), war er ganz fasziniert davon “was aus mir geworden ist”. 🤣

Ich könnte noch viel mehr schreiben. Mir fallen etliche Menschen in meinem Leben ein, die solche Züge hatten und haben. Zu all denen konnte ich nie das aufbauen, was ich wirklich wollte und sie schafften es allesamt mich in der ein oder anderen Weise zu verletzen. Natürlich war es keine Absicht von denjenigen, sondern ist meiner HS zuzuordnen.  

Meinen Mann würde ich als normal-sensibel einstufen. Er ist sehr empathisch, aber auch sehr pragmatisch. Er bringt mich oft auf den Boden der Tatsachen zurück. Trotz allem hat er einige Eigenschaften, die auch auf einen HS zutreffen. Die Linie verläuft also nicht immer komplett klar und eindeutig. Aber um dies einschätzen zu können, müsste man sich ziemlich wahrscheinlich noch viel mehr mit den Wesenszügen der HS befassen. Ich stehe erst am Anfang. Vieles ist mir schon klar geworden, vieles schlummert noch. Aber, dafür braucht es Zeit. Zeit und einen freien Kopf. Beides ist bei mir eher Mangelware, obwohl ich durch meine Hausfrauentätigkeit (freie Zeiteinteilung) doch sehr die Möglichkeit habe, mir intensiver ein Bild davon machen zu können.

Ist jetzt nun grundsätzlich eine echte Freundschaft unter HS’len möglich?

Ja, ist es. Unter Voraussetzungen, die jedoch beiden vorher klar sein müssen: Beiden Parteien müssen sich ihrer HS bewusst sein!

  • Sie müssen sich ihrem übersteigerten Verlangen in die Intensität einer Freundschaft/ Beziehung bewusst sein und ihre Ansprüche ggf runter schrauben.
  • Es müssen Verhaltens-Grundregeln ausgemacht werden
  • Es muss die Möglichkeit gegeben sein, dass sich einer über kurz oder lang für eine Zeit zurückziehen kann, ohne dass der andere deswegen beleidigt ist.
  • Beide müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein, dass sie sich grundsätzlich in andere Menschen hineinversetzen können und oftmals wissen, was in dem anderen vorgeht und dies nicht zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzen.
  • Keiner ist perfekt. Auch der HS’le an sich ist nur ein Mensch mit Fehlern und Schwächen.
  • Beide müssen sich bewusst sein, dass so eine Beziehung/ Freundschaft sehr viel Kraft kostet und ziemlich wahrscheinlich sonst nicht viel Ressourcen für andere Menschen bleibt.
  • Man muss lernen, sich auch abgrenzen zu können, von dem jeweils Anderen. Seine Gefühle sind nicht die Meinen und umgekehrt! Trotz allem ist es wichtig, über seine Gefühle zu sprechen. Beide, gleichwertig.
  • Zu viel Nähe kann auch das Gegenteil von Vertrautheit bewirken, nämlich dass es zuviel wird. Nähe punktuell intensiv zulassen, die Nähe dann jedoch auch wieder sehr stark lockern, damit beide zum durchatmen kommen. Sonst könnte es zu sehr starken Differenzen durch Beleidigungen kommen, welche nur kommen, um Distanz schaffen zu können.
  • … (Fällt euch noch mehr ein? Dann bitte in den Kommentaren.)

Hier noch ein Text, der die HS bei Kindern definiert. Vielleicht ist dein Kind ja auch darunter?
Mein Ältester ist fix hochsensibel. Er erinnert mich oft an mich selbst als Kind.

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Anni Side | andererseits.at

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