Anni Side | andererseits.at

Meine Strategie: Rückzug!

Über das Leben mit Hochsensibilität

Schon als Kind war ich oft sehr verunsichert über neue Situationen und bei großen Menschenansammlungen. Meine Strategie war immer: Rückzug! Mich selbst aus der Situation heraus nehmen. Dies konnte geordnet ablaufen, indem ich z.B. im Schullandheim o.ä. angab, ich sei müde und mich im Bett/ im Zimmer verkroch oder chaotisch, indem ich mich so danebenbenahm, dass keiner mehr mit mir spielen wollte. Ich war dann die Doofe, die Komische, die allen den Spaß verdarb… War mir recht, so musste ich mich mit keinem abgeben, obwohl es mir natürlich bis tief in der Seele weh tat.

Ich wollte dazugehören! Aber ich schaffte es nicht. Ich konnte nicht über meinen Schatten springen und mich in einer Gruppe einfügen. Es war für mich ein enormer Druck, der auf meiner Brust lastete, dem ich nicht gewachsen war. Am Liebsten war ich immer schon in einem kleinen Grüppchen, mit zwei bis drei Personen. Dies konnte und kann ich aushalten.

Alleinsein war natürlich das Höchste für mich. So konnte ich ungestört meinen Gedanken und Gefühlen nachhängen. Manchmal hätte ich mir allerdings schon jemand gewünscht, der sich mit mir abgab und sich wirklich für mein Gefühlsleben interessierte und mir dabei hilft, mein Innerstes aufzuräumen- ohne Wertung und Manipulation. Es gab jedoch niemand und so war ich jahrelang alleine mit mir. Ein schlimmes Gefühl für ein Kind!
All dies hatte die Auswirkung, dass ich als Kind und als Heranwachsende nie wirklich viele Freunde hatte und mich in Cliquen etc äußerst unwohl fühlte und somit auch nie Mitglied in einer Solchen war. Als Teenager versuchte ich mich an Vereinen. Wurde auch zumeist herzlichst aufgenommen, fühlte mich aber nie wohl und schmiss es oftmals nach kürzester Zeit wieder.

Druck konnte ich noch nie aushalten. Wenn jemand mir, bildlich gesprochen, das Messer an die Brust setzte, war mein Verhalten: Flucht. Ich bin einfach gegangen oder brach ab.

Anni Side | andererseits.at

Heute weiß ich, dies waren alles Überlebensstrategien von mir, aufgrund meiner Hochsensibilität.

Manchmal frage ich mich, warum ich nicht früher darauf gekommen bin. Es wird jedoch erst jetzt langsam bekannt und viele wissen immer noch nicht Bescheid. Für viele ist sensibles Verhalten Schwäche.

Empathie und Feinfühligkeit ist scheinbar in unserer heutigen Zeit nichts, was im Alltag von Nutzen ist.

Nun weiß ich, dass es eine Gabe ist und es viele Vorteile bringt, sich hochsensibel nennen zu dürfen. Aber jetzt bin ich erwachsen. Jetzt kann ich mit dem Verstand begreifen, welche Auswirkungen alles hat. Hat allerdings den Nachteil, dass man viel zu viel über alles grübelt.
Irgendwann kommt man zwangsweise zu der Ansicht: Man kann gar nicht alles begreifen! Der menschliche Verstand ist begrenzt. Mein Verstand ist begrenzt.
Auch heute bin ich noch gerne alleine. Ich liebe unser Zuhause. Dies ist meine Festung. Meine Burg. Mein Rückzugsort. Ich mag immer noch keine großen Menschenansammlungen. Da fühle ich mich verloren. Unwohl. Unsicher.

Allerdings fühle ich mich in mir sicherer, seitdem ich weiß, was mit mir los ist.

Ich weiß, ich bin nicht abnormal. Mein Fühlen, mein Verhalten ist nicht ab der Norm. Es gibt noch viele zigtausend weitere Menschen auf dieser Welt, die ein ähnliches Gefühlsleben wie ich haben. Etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung sollen diesen Wesenszug haben. Es schenkt mir eine gewisse Sicherheit und Vertrauen in mich selbst. Es ist kein Manko so zu sein! Ich darf sein, wie ich bin! Ich bin gut so, wie ich bin! ❤

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