Toleranz

Gedanken über einen Begriff Toleranz

Über Toleranz wird viel geredet und geschrieben. Sehr häufig stoße ich dabei auf Definitionen, Meinungen und Gebrauch des Begriffes, denen ich nichts abgewinnen kann. Jeder hat seine Meinung dazu, auch ob man sie verlangen kann oder gewähren müsse. Ich habe nicht die Erwartung, Leser davon zu überzeugen, nach der Lektüre meiner Meinung zu sein; wenn es dazu dienen sollte, dass einzelne sich hinterfragen, hat sich meine Mühe gelohnt.

Vor wenigen Wochen schrieb ich als eine Antwort folgende kurze Erwiderung bei Twitter:

Hierin stecken die wesentlichen Kerngedanken, die ich unter Toleranz verstehe:

  • Persönliches, individuelles Maß

    Jeder Mensch hat seine persönlichen Grenzen, die er sich für sein Leben gesetzt hat, diese umfassen den eigenen Wertekanon wie auch seine generelle Lebenseinstellung. Nur Menschen ohne Ecken und Kanten, die für nichts einstehen, denen alles egal ist, können alles tolerieren oder gar akzeptieren.
  • Ertragen

    Häufig wird Toleranz synonym mit Akzeptanz oder Respekt verwendet, ich betrachte den Begriff nach seiner lateinischen Herkunft. Danach heißt Toleranz: Ertragen. Schon daraus wird deutlich, dass dem Begriff der Toleranz nicht – wie heute benutzt – ein positives Momentum inne liegt, sondern gerade das Gegenteil: Ertragen ist das gerade noch hinnehmbare, ohne dass ich mich selbst verbiegen muss oder mich nicht mehr sprichwörtlich im Spiegel ansehen kann. Es handelt sich um einen Begriff, der eine für einen selbst problematische Urteilsfindung widerspiegelt: Ein Hinnehmen ohne Annehmen dessen, was ich ablehne, also im Kern ein negatives Erleben und Tun, manchmal sicherlich pragmatisch oder gar opportunistisch
  • Übertragung auf andere

    Aufgrund des geschilderten, persönlich individuellen Maßes und der sehr unterschiedlichen ‘Leidensfähigkeit‘ ist es aus meiner Sicht völlig ausgeschlossen, Toleranz von anderen einzufordern. Ich kann sie nur selbst gewähren und auf Toleranz auf der anderen Seite hoffen. An diesem Prinzip scheitern aus meiner Sicht sehr viele Konversationen gerade in sozialen Medien, weil immer wieder Toleranz eingefordert wird.

Johann Wolfgang von Goethe hat dies aus seiner Sicht in den „Maximen und Reflexionen“ so zusammengefasst:

Ohne Zweifel kommt hierbei der von mir skizzierte negative Grundtenor zum Ausdruck. Eine Gesellschaft strebt nach einem Grundkonsens, einem Kanon von Werten und Gemeinsamkeiten, der über das Ertragen hinausgeht, sondern ein Annehmen beinhaltet. Und in diesem Sinne verstehe ich die negative Beurteilung von Goethe: „Dulden heißt beleidigen“. Ob es gelingt, die „vorübergehende Gesinnung“ zu einer allgemeinen Akzeptanz oder vielleicht zu einer allgemeinen Ablehnung zu führen, ist und bleibt eine andere Frage. Dies ist natürlich auch auf jeden Einzelnen übertragbar.

Ist also Toleranz ein Wert an sich oder entfaltet sie ihren Wert nur im Kontext? Ich persönlich tendiere klar zur zweiten Alternative. Toleranz macht uns angreifbar. Indem wir persönlich, aber auch als Gesellschaft, von anderen angegriffen werden, die als Intolerante unsere Toleranz ausnutzen. Sie hat den individuellen Wert, den ihr jeder persönlich beimisst durch sein. Werte sind nicht absolut in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Relativismus und Freiheitsdrang. Freiheit ist unser höchstes Gut, das wissen wir Deutschen nach zwei Diktaturen von 1933-1945/1989 vielleicht besser als viele anderen. Gerade deshalb kann es keine generelle Toleranz geben und schon gar nicht gegenüber den Intoleranten. In früheren – vermeintlich homogeneren Gesellschaften – war dies möglicherweise insofern einfacher, da die Forderung nach Toleranz sich auf wesentlich kleinere Felder des Zusammenlebens beschränkte.

Unsere Gesellschaft differenziert sich weiter aus, dies geschieht vor allem in religiöser/weltanschaulicher und politischer Hinsicht. Eine Mehrheitsgesellschaft – so ist mein Gefühl – wird es in dem Sinne bald nicht mehr geben, sondern wir sind auf dem Weg zu einem Konglomerat von Minderheitsgesellschaften, die Erosion der großen Volkskirchen und der beiden großen Volksparteien nehme ich dafür nur als Anhaltspunkte. Ich sehe es als zunehmend schwieriger an, Grundkonsense zu definieren, die einen festen Standpunkt fixieren, die als Basis für Toleranz (und auch Akzeptanz) dienen können. Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und die Grundrechte dürfen aber keinesfalls disponibel werden und damit zu einer Frage der (Nicht-)Toleranz herabgestuft werden.

Historisch konnte nur der Herrscher, der zudem zunächst häufig absolut war, von oben nach unten Toleranz gewähren, im Sinn eines Gnadenakts. Toleranz wurde in dieser Hinsicht immer auf Meinungen und Positionen bezogen, nicht auf Personen. Ziel war meist die Sicherung des (inneren oder äußeren) Friedens bei gleichzeitig beabsichtigter Nichtverbreitung eines abweichenden Glaubens (Toleranzedikte oder speziell für Österreich auch das Toleranzpatent). Für die ehemals verfolgten Menschen entstand Sicherheit, auch wenn sie nicht gleichgestellt wurden. Heute wird bei Toleranz eher die gesamte Person gesehen. Dieser Sichtweise vermag ich mich nicht vollständig anzuschließen, da Toleranz auch die Möglichkeit der Nichttoleranz beinhaltet und für mich weder die allgemeinen Menschenrechte noch das christliche Menschenbild durch die Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen eine Möglichkeit der Nichttoleranz einräumen. Das christliche Menschenbild bedeutet kompromisslose Nächstenliebe, die nicht Toleranz voraussetzt und diese auch manchmal ausschließt.

Leben in Freiheit und mit Wertbindung

Toleranz in höchster Potenz bedeutete schließlich eine These und ihre vollkommene Gegenthese zu tolerieren, ich nenne bewusst keine Beispiele. Das führt den Menschen letztendlich an ein nichts. Ich möchte für einen klaren Standpunkt werben auf einem festen gebundenen Fundament mit Werten und ein offenes Ohr für Menschen und ihre Nöte. Manchmal muss man von anderen auch verlangen, sich zu bewegen, weil eben nicht alles tolerabel ist. In der offenen Gesellschaft gibt es auf der anderen Seite viele Freiheiten, die eine offene Diskussion erst ermöglichen. Grenzenlose Toleranz lässt ides in Intoleranz verschwinden. Einzelne Grenzen habe ich zumindest angedeutet.

Ich freue mich auf Diskussionsbeiträge bei Twitter oder auch hier im Blog.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Photo by Andrew Seaman on Unsplash, Markus Wohjan und Markus Wohjan

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