Die Söhne, die Tochter und ich

Manchmal bezweifle ich ja, ob ich denn normal sei. Haha. Ist es normal, dass man viel über sich nachdenkt, über vergangene Gefühlslagen, Kindheitserinnerungen, Emotionen in gewissen Situationen? Es hat oft nicht mal einen Grund- Ein Gedankenblitz, der bearbeitet werden möchte.

So ging es mir heute mal wieder, als ich neben meiner Tochter lag und sie in den Schlaf begleitete. Ich spürte ihren Atem auf meinem Gesicht, hörte ihren ruhigen Atem und fühlte mich zufrieden und glücklich so eine süße kleine Tochter zu haben, obwohl sie mir in der letzten Zeit den letzten Nerv raubt. Sie beginnt derzeit ihren eigenen Willen zu entdecken und will ALLES tun, was ihre großen Brüder tun. Nun ja, das endet meistens in Geschrei, weil es nicht funktioniert oder weil die großen Brüder sie nicht dabei haben wollen, da sie alles kaputt macht.

Meine Gedanken kreisten um sie und ich erinnerte mich an meine Sorgen während meiner ersten Schwangerschaft, als ich das Geschlecht von meinem Baby noch nicht wusste. Ich betete intensivst zu Gott, dass ich kein Mädchen bekomme. Klingt mies, oder? Hatte aber einen ganz einfachen Grund: ich hatte keine Ahnung, was ich mit einem Mädel anfangen soll!

Mein eigenes Geschlecht war mir immer schon sehr suspekt, wodurch ich als junges Mädchen arge Probleme hatte, mich so annehmen zu können, wie ich bin. Es war ein sehr mangelhaftes Selbstbewusstsein gepaart mit der Unsicherheit, wie ein Mädel sich zu verhalten hat. Ich fand die Mädels in meiner Klasse zum Teil toll, sie hatten offenbar ein hohes Selbstbewusstsein, gingen offen auf die Jungs zu, rotteten sich in Cliquen zusammen und erzählten oft, was sie alles zusammen tun. Ich war neidisch! Und zugleich auch zutiefst enttäuscht von mir selbst, weil ich es nicht schaffte, auch so zu sein. Ich war ein ruhiges, zurückgezogenes Mädchen. Freundschaften mit Mädchen hatte ich wenige, aber dafür Tiefe. Am Liebsten bin ich jedoch schon immer mit Jungs um die Häuser gezogen, die waren unkomplizierter. Da wurde gemacht, was man gesagt hat und man wusste immer, woran man war. War familiär auch so angelegt, da ich drei Brüder habe.

Darauf aufbauend folgten dann noch weitere Gedanken, dass ich wohl froh sein darf, vor etwa 20 Jahren in diesem identitätsunsicheren Alter gewesen zu sein und nicht heute. Heute hätte man mir vielleicht den Floh ins Ohr gesetzt, ich hätte eventuell ein Problem mit meiner Geschlechteridentität, weil ich so burschikos war und mit meinem Geschlecht nicht anzufangen wusste. Gut, das bin ich heute noch, aber trotzdem bin ich gerne eine Frau. Es dauerte lange bis ich mir bewusst geworden bin, dass Frau sein individuell ist. Es gibt keine Vorgabe wie eine Frau zu sein, noch wie sie auszusehen hat. Es gibt burschikose Frauen, mit männlichen Zügen und sehr feminine Frauen. Aber eines haben alle gemeinsam, sie sind weiblichen Geschlechts und somit eine Frau.

Als ich mit meinem zweiten Kind schwanger war, betete ich ebenfalls, dass es kein Mädchen wird. Ich war immer noch nicht bereit für eine Tochter und es hat gepasst. Kind Nummer drei war, wie meine Stammleser wissen, nicht mehr von uns geplant (Gott hatte wohl andere Pläne als wir) und irgendwie war mir in dieser Schwangerschaft das Geschlecht dann auf einmal egal. Im Gegenteil, irgendwie wollte ich auf einmal noch eine Tochter und so war es dann auch. Ich bekam eine hübsche kleine Tochter, die es faustdick hinter den Ohren hat. “Genau, wie die Mama”, schrieb eine Freundin, als ich vor kurzem ein freches Bild von ihr auf meinem Whatsapp Status postete. Ich glaube, ich muss mir keine Sorgen darum machen, dass meine Tochter mal eine zickige Tussi wird (ist meine größte Sorge), da ich auch nicht so bin. Aber ich hoffe, dass sie ein selbstbewusstes Mädchen wird, die sich ihrer Identität jederzeit sicher ist.

Die Chancen stehen gut. Sie muss sich gegen zwei große Brüder behaupten und bisher macht sie es ganz gut. Sie weiß, was sie will und kommuniziert ihren Willen laut und vehement.

Bin gespannt, was die Zukunft noch bringt! Und ich hoffe, dass ich meine Vergangenheit ablegen kann und meinen Kindern ein selbstbewusstes Vorbild sein darf.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Anni Side | andererseits.at

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