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Vererbt: Hochsensibilität

Ich erzählte schon des Öfteren von meinem Vater, einfach aus dem Grund, weil er mir in meiner Kindheit am meisten bedeutete. Meine Mutter war und ist mir zwar auch wichtig, aber wenn es darum ging, jemanden stolz machen zu wollen, dann war es nur die Meinung meines Vaters, die für mich zählte.

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Und genau das brach in weiterer Folge unserer Beziehung das Genick, da er mich sehr enttäuschte. Er verlangte viel von mir, aber letzten Endes brach er seine eigenen Regeln und Gesetze und das machte ihn unglaubwürdig, auch weil er uns Kinder damit oft in unserem Sein unterdrückte. Allerdings war er es, der mich zum Schreiben brachte. Er wurde immer labiler, seine Psyche krank und wir Kinder bekamen das tagtäglich durch seine ständig wechselnden Launen zu spüren. Mal war er freudig, freundlich und nett und am anderen Tag war er fies und beleidigend zu uns. Außerdem hatte er sich irgendwann nicht mehr unter Kontrolle, was auf seinen Suchtmittelmissbrauch zurückzuführen war, die er dazumal wohl regelmäßig konsumierte, wie ich später herausfand.

Aus meiner Enttäuschung heraus brach ich den Kontakt zu ihm ab und lud ihn nicht einmal zu unserer Hochzeit ein, was ich nun Nachhinein bereue. Es hätte vielleicht sogar etwas kitten können. Aber wenigstens konnte ich ihm vergeben, was mich innerlich frei machte, davor belastete mich das Ganze sehr.

Vererbt

Oft denke ich über meinen Vater nach, wenn es um meine Hochsensibilität geht, da ich inzwischen weiß, dass dieser Wesenszug vererbbar ist. Es tritt familiär gehäuft auf. Außerdem, aber das ist hier nicht relevant, ist es wahrscheinlich, dass sich Menschen mit diesen Eigenschaften anziehen: gleich und gleich gesellt sich gern.

Erst dachte ich länger, meine Mutter wäre die tragende Komponente, aber mittlerweile bin ich mir fast sicher, es war und ist mein Vater. Nur leider ist in er in einer Zeit groß geworden, in der Jungs ihren Mann stehen mussten und Gefühle und Befindlichkeiten irrelevant waren und als Schwäche ausgelegt wurden. “Ein Indianer kennt keinen Schmerz.”, “Jungs heulen nicht.”, “Jungs sollen sich nicht so viel aus sich machen, Aussehen ist irrelevant.” usw., was er wiederum auf seine Söhne, meine Brüder, umlegte. Er war hart zu meinen Brüdern, was die Sensiblen unter ihnen fast zerbrach, heute äußert es sich zum Teil durch Hass auf ihn und jegliches Abblocken, wenn man auf ihn zu sprechen kommt, oder durch Worte und Aussagen, die ihn der Lächerlichkeit preisgeben. Das ist traurig! Und es ist eine nicht abheilen wollende Wunde bei allen Beteiligten, die jederzeit wieder zu bluten beginnen kann.

Mein Vater wird von meiner Mutter als Narzisst benannt. Ich schrieb schon einmal über Narzissmus in Verbindung mit Hochsensibilität und je mehr ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass es zusammenhängt, obwohl die Meinungen darüber geteilt waren.
Bei ihm wurden in der Kindheit Gefühle unterdrückt, bis hin, dass sein eigener Vater ihm wohl kein gutes Vorbild war und er seinen Vater verachtete. So kam es mal bei mir an, als er von ihm erzählte: “Ich möchte nicht so werden, wie mein Vater!”, war einmal eine Aussage.
Aber das soll kein Vorwurf sein, seine Eltern hatten es nicht leicht. Der Vater, also mein Opa, wurde von seiner eigenen Familie nicht anerkannt, das schwarze Schaf der Familie, die wohl eine angesehene Schweizer Familie waren und seine Mutter war ein Flüchtlingskind aus Schlesien. Mein Großvater erlag früh an den Folgen seiner Alkoholsucht, die wohl aus den schwierigen Umständen heraus aufgetreten ist.

Zusammenfassendes Gesamtbild

Wenn man das Gesamtbild betrachtet, ist das “schwierig-sein” und “mit-sich-selbst-nicht-zurechtkommen”, ein Bestandteil meiner Ausgangsfamilie. Was früher als träumerisch, zu sensibel: keine dicke Haut, merkwürdig, zu ruhig, zu nachdenklich, wankelmütig, abgetan wurde, könnte einfach nur eine Hochsensibilität sein. Erst dachte ich in diesem Artikel hier, dass der Auslöser für Hochsensibilität vielleicht eine innere Heimatlosigkeit, eine innere Leere und massive innere Verletzungen sein könnten. Aber mittlerweile bin ich der Meinung, dass hochsensible Menschen aufgrund ihres Drangs alles verstehen zu wollen oft eine innere Leere verspüren, wenn sie nichts sinnvolles an diesem Leben finden. Wenn sie diese Leere nicht füllen können, nichts Sinnvolles an ihrem Leben finden und daran verzweifeln, greifen sie vermehrt zu Suchtmitteln, um diese Welt ertragen zu können. Und oder werden depressiv.

Ruhe ist der der zentrale Dreh- und Angelpunkt eines hochsensiblen Menschen. Damit ist Umgebungsruhe genauso gemeint, wie innere Ruhe. Wenn ein hochsensibler Mensch, über längere Zeit hinweg, keine Möglichkeit findet, seine Ruhe zu bekommen, seine innere Mitte zu finden, den Sinn seines Lebens zu ergründen, endet es wohl so, wie bei einigen die ich kenne und meine, dass sie hochsensibel sein könnten: in einem Suchtmittelmissbrauch, um diese innere Ruhe erreichen zu können. Alkohol und Marihuana sind die Mittel der Wahl, wenigstens unter denen, die ich kenne.

Aber auch etwas Positives: Hochsensible Menschen sind oft sehr kreative Köpfe, die in ihrer Kreativität voll aufgehen können. Sie können sich stundenlang und voll konzentriert mit etwas beschäftigen, was ihnen gut tut, und verausgaben sich darin. Oft sind es wohl Musiker, Autoren, Künstler. Und ich denke, dass ist auch sehr wichtig ist, sich seiner Kreativität hinzugeben, da es viel damit zu tun hat, die eigene Bestimmung zu finden, um in dieser Welt seinen Platz bestimmen zu können, um herauszufinden, wer man wirklich ist.

Allerdings muss man aufpassen, und da spreche ich aus eigener Erfahrung, dass Verausgaben nicht zur Selbstaufgabe wird. Ich erinnere mich dunkel an einen Bericht eines Schauspielers, der voll in seiner Filmrolle aufgegangen ist. Schon im Vorfeld lebte er monatelang so, wie seine Filmfigur und schlussendlich musste er nach Abschluss der Dreharbeiten, als es wieder um das normale Leben ging, in psychiatrische Behandlung, da er nicht mehr zwischen Realität und Fiktion unterscheiden konnte. Er ging voll in seiner Rolle auf und bekam für seine Schauspielleistung eine Vielzahl von Preisen und wurde in der Presse hochgelobt. Doch, was hat es ihm gebracht? Er wusste nicht mehr, wer er wirklich war und es ist fraglich, ob er es jemals herausfinden wird, da zu lesen war, dass er dies mit jeder Filmrolle so durchzieht, was ihn allerdings zu einem herausragenden Schauspieler macht.

Gut, kommen wir zum Ende. Hochsensibilität tritt familiär gehäuft auf und ich finde es weiterhin wichtig, da es mich selbst ebenfalls betrifft, darüber aufzuklären, da es einzelnen Menschen unter Umständen viel Leid ersparen kann.

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