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Ich arbeite im Improtheater- eine Lehrerin erzählt #Pädagogenerzählen

Neulich auf einer Party:

“Und was machst du beruflich?”
– “Ich bin Lehrerin.”
– “Ach. Da hast du dir ja den besten Job ausgesucht. Musst nur einmal vorbereiten und danach nie wieder was tun. Und dauernd habt ihr Ferien!”

Das folgende Gespräch besteht dann meistens daraus, dass sämtliche Lehrerklischees aufgetischt werden (als hätte ich sie noch nie gehört) oder Leute mir die Lehrertraumata aus ihrer eigenen Schulzeit erzählen.

Mist, hätte ich doch nur gesagt, ich wäre Friseuse.

Auch wenn es leider genug Lehrer gibt, die diese Klischees bestätigen, ist es traurig, ständig mit diesen Vorurteilen konfrontiert zu werden; nehmen sie mir doch die Möglichkeit, zu erzählen.

Ich könnte Geschichten erzählen von langen Abenden, an denen die Vorbereitungen schier kein Ende nehmen wollen. Die Welt des Wissens ist riesig – wie schaffe ich es, die richtigen Dinge herauszugreifen und so zu verpacken, dass Teenager sie nachvollziehen können? Die Suche und das Erstellen von Material, das mich selbst und die Schüler anspricht, ist ermüdend und belebend zugleich.

Geschichten von Stunden, in denen einfach der Wurm drin ist. Fragende Gesichter von Schülern, die mir nicht folgen können (oder wollen). Zu viel Gerede, zu wenig Denken. Stunden, mit denen ich unzufrieden bin und mich frage, was ich falsch gemacht habe. Auch wenn eine Stunde von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst wird, kämpft man als Lehrer doch oft mit Selbstzweifeln  am eigenen Tun.

Geschichten von vollen Tagen, an denen der Lärmpegel den eines Rockkonzerts mindestens erreicht – wenn nicht übersteigt – und einfach keine Ruhe einkehren will. Schüler, die an allem anderen interessiert sind als meinem Unterricht und ich mehr mit Disziplin als mit Inhalt beschäftigt bin. Stunden, aus denen ich am Ende völlig erledigt rausgehe; nur, um direkt ins nächste Klassenzimmer zu wandern. Nächte, in denen ich selbst im Schlaf noch höre, wie jemand meinen Namen ruft.

Geschichten von Wochen, in denen ich die Ferien herbeisehne, da ich innerlich ausgebrannt bin. Ich gebe so viel in den Job rein und investiere in junge Menschen – und bekomme oft so wenig zurück an Dank oder Anerkennung.

Ich könnte einstimmen in den Chor an Beschwerden über die 60 Stunden Woche, die eigensinnigen Kollegen oder den Chef. Aber warum? Dann bleiben wir im ewigen Sumpf an Klischees und Vorurteilen stecken.

Denn es gibt auch andere Geschichten.

Geschichten von Erstaunen, wenn Stunden anders laufen als gedacht. Unterricht ist ein bisschen wie Improtheater: Ich schreibe das Stück und habe einen Plan, was in der Stunde laufen soll. Dennoch kann ich die Akteure – die Schüler – nur bedingt kontrollieren und genau das macht das Ganze erst interessant. Sie lesen das Stück, bearbeiten die Aufgaben und reagieren darauf. Viele spielen ihre Rolle, aber es gibt immer wieder die, die aus der Rolle fallen: Der schwache Schüler, der plötzlich etwas versteht und man förmlich die Glühbirne in seinem Hirn leuchten sieht. Der schlaue Kopf, der meinen Input weiter spinnt und Gedanken einbringt, die mich zum Nachdenken bringen. Diskussionen, die weit über den Unterrichtsstoff hinausgehen und zeigen, dass die “Jugend von heute” sich durchaus mit der Welt auseinandersetzt.

Geschichten von Fragen, die mich herausfordern, selbst zu recherchieren und vielleicht meine Perspektive zu verändern. Detailwissen, das mich aufhorchen und staunen lässt.

Geschichten von mutigen Schülern, die bei einer Debatte das Klassenzimmer in eine Bühne verwandeln und voller Elan dabei sind. Stunden, in denen eine vertraute Atmosphäre herrscht, sodass der Schüchterne sich traut, über seinen Schatten zu springen und der Macker seine coole Maske ablegt. Offenheit, in der Versprecher und Fehler erlaubt sind. Momente, in denen der Unterrichtsplan plötzlich zur Nebensache wird. Je mehr man mit Schülern unterwegs ist, desto mehr tritt der Mensch in den Vordergrund.

Geschichten von vielen Gesprächen, bei denen ich zum Lernenden werde und viel über die verschiedenen Kulturen erfahre, aus denen meine Schüler kommen, welche Apps gerade in sind, wie das mit dem Zocken funktioniert, welche Serie ich unbedingt sehen sollte und wer gerade mit wem zusammen ist.

Geschichten von beeindruckenden Menschen, die in ihrem jungen Alter schon sehr zu kämpfen haben: kaputte Elternhäuser oder mehrere Kulturen zuhause, wobei sie der Vermittler zwischen der bürokratischen Schule und den Eltern sind, die vielleicht kein Deutsch sprechen. Teilweise überzogen hohe Erwartungen von allen Seiten an schulische Leistungen und Abschlüsse. Ständige Erreichbarkeit auf allen Kanälen und die Suche nach Likes, Flammen auf Snapchat und Kontakten. Die Frage nach Identität und Zugehörigkeit – und dabei oft kein moralischer Kompass, der ihnen helfen könnte, richtig und falsch in diesem Leben zu navigieren. Nach außen hin geben sie eine harte Schale vor, doch wenn man sich Zeit für den einzelnen nimmt und sie anstupst, bricht etwas in ihnen auf und sie gewähren mir einen Blick in ihr Inneres.

Geschichten von langen Busfahrten, Wandertagen, Workshops oder dem Boden der Jugendherberge, wo sich spontane Gespräche ergeben und ich die Gelegenheit habe, bei Schülern hinter die Fassade zu blicken. Wo sie von ihren Herausforderungen und Fragen erzählen und aufatmen, wenn ich sage: “Du bist nicht allein damit.” Wo sie vorsichtig wagen zu träumen und ihre Zukunftspläne teilen. Wo sie Stück für Stück ein wenig reifer werden. Wir sind Schüler und Lehrer – aber am Ende sind wir beide Menschen. Diese Mädels und Jungs auf einem Teil ihres Weges zu begleiten und ihr Wachstum zu beobachten und zu feiern ist ein echtes Geschenk.

Mein Beruf ist ein Sammelsurium an Geschichten; manche eher dunkel und herausfordernd, andere erfrischend und belebend. Zusammen ergeben sie ein abwechslungsreiches Buch, das sich immer wieder lohnt, zu lesen und fortzuführen.


Katharina von Dessien Quelle: Privat

Katha von Dessien hat als Third Culture Kid schon einiges von dieser Welt gesehen, Am meisten beeindruckt haben sie dabei Menschen, die sie zum Nachdenken über Gott, sich selbst und andere herausgefordert haben.

Sie lebt und arbeitet als Lehrerin in Stuttgart, wo sie gerne Menschen einlädt und ihren Geschichten zuhört. Ihr erstes Buch “Fliege ins Leben, lande bei Gott” erschien 2017. Weitere Geschichten sammelt sie regelmäßig auf ihrem Blog: www.thisiskatha.com


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