Mitmenschen und gefühlte Zuständigkeiten

In den 34 Jahren meiner bisherigen Lebenszeit lernte ich inzwischen einige Menschen kennen. Wenige sind geblieben, die meisten sind gegangen oder die Spur verlor sich irgendwann. Für jede Lebensphase gab es bestimmte Menschen, die mich begleiteten. Sie unterstützten und ermutigten mich, oder waren einfach für mich da und wir verbrachten eine nette, ungezwungene Zeit miteinander.

Manche blieben länger oder sind „für immer“ im Gedächtnis und manche vergisst man im Laufe der Zeit: kennt ihre Namen nicht mehr, erinnert sich nicht mehr an ihre Gesichter. Das trifft, zumindest bei mir, auf viele Kinderfreundschaften zu. Ich weiß vielleicht noch gewisse Einzelheiten, aber wer die Person wirklich rundum war, habe ich vergessen. So kam es, dass mich vor über 20 Jahren einmal eine Frau am Schulbus ansprach und mir freundlich Hallo sagte und als ich sie ganz verdattert ansah, fragte sie mich, ob ich nicht mehr wüsste, wer sie sei, und ich verneinte. Sie meinte, sie sei die Mutter von meiner ehemaligen besten Kindergartenfreundin. Peinlich! Aber solche Begebenheiten ziehen sich durch mein Leben. Es gibt wichtige Menschen, die mich mitgeprägten und Menschen, die dabei Nebendarsteller waren und in Vergessenheit gerieten.

Die Menschen, die bei mir im Gedächtnis blieben, sind dafür umso mehr relevant. Meistens Menschen, die mir etwas Besonderes mit auf den Lebensweg gaben, dabei ist es egal, ob positiv oder negativ. Oder Menschen, die einfach gut zu mir waren, die mich in gewissen Lebenslagen unterstützten, ohne mit der Wimper zu zucken oder Gegenleistung dafür zu verlangen. Aber dann gab und gibt es auch Menschen, denen es nicht gut geht und die zu mir kommen und ihr Leid klagen, ihre Sorgen und Nöte loswerden und die auf mich einen besonders hilfsbedürftigen Eindruck machen. Bisher fand ich noch nicht heraus, woran es lag, aber diese Menschen brachen dann häufig völlig unverhofft weg. Oft auf mein Bestreben hin, weil es zu viel wurde, aber auch, weil diese Menschen sich mir gegenüber dann auf einmal ablehnend verhielten. Darüber denke ich in der letzten Zeit häufiger nach, warum das so ist.

Helfen wollen

War ich zu forsch? Zu dringlich in meiner Art, helfen zu wollen? Auch kamen Gedanken auf, wonach ich für die Menschen vielleicht in den ein oder anderen Dingen ein Vorbild war und wahrscheinlich dann nicht ihren Idealvorstellungen entsprach, wie man sich zu verhalten hat. Manchmal spielte auch meine politische und konservative Lebenseinstellung eine Rolle. Das ist allerdings ein Phänomen, welches sich erst in den letzten Jahren zuspitzte. Vielleicht auch, weil ich mich seit ein paar Jahren öffentlich dazu äußere, sodass es jeder mitbekommt, der mit mir befreundet ist. Ich weiß, dass es einigen überhaupt nicht passt, was ich denke und auch äußere. Zu ihrer Verteidigung: je nach Thematik bin ich zugegebenermaßen auch ziemlich offensiv. Wenn jemand völlig andere Wert- und Weltvorstellungen vertritt, kommt es halt dann zur Kollision. Ich nenne das mittlerweile natürliche Selektion. Aber trotzdem finde ich es schade.

Warum war es früher, als ich jünger war, ohne Probleme möglich, dass viele Menschen mit unterschiedlichen Weltanschauungen an einem Tisch sitzen konnten und sie es nett miteinander hatten? Meine Freundschaften gingen schon immer über den christlichen Bereich hinaus und ehemals hatte ich nie Probleme damit. Erst seit ein paar Jahren verhält es sich so. Gut, dazumal erzählte ich nichts von meinen Überzeugungen, oder so wenig, um nicht anzuecken und wenn etwas zur Sprache kam, enthielt ich mich meiner Stimme, dies ist heute nicht mehr so. Trotzdem muss es doch möglich sein, dass man miteinander am Tisch sitzen kann, auch wenn man in diversen Dingen nicht einer Meinung ist!

Zurück zu meinem „Wahn“, helfen zu wollen. Wenn ein Mensch zu mir kommt und mir sein Leid klagt, dann möchte ich helfen! Ja, verdammt nochmal, ich möchte, dass es dem Menschen irgendwann wieder besser geht! Gut, es gibt Situationen, da kann ich nichts ausrichten, da bin ich mit meinem Latein am Ende und gebe resigniert auf. Ab und an frage ich mich jedoch, ob die Menschen überhaupt Hilfe bei ihren Angelegenheiten wollen, oder sich nur weiterhin in ihrem Leid suhlen wollen, denn dadurch bleiben sie hilfsbedürftig und bemitleidenswert. Wenn ich mitbekomme, dass jemand immer nur am Jammern ist und nichts unternimmt, damit es besser wird und auch jeglichen Versuch scheitert, wirklich zu helfen, damit es innen drin heilt, ja dann breche ich irgendwann ab. Auch zu meinem eigenen Schutz, da solche Menschen einen aussaugen.

Eine Person schrieb mir z.B. stundenlang und gefühlt ständig über WhatsApp. Ich war genervt, das hat mich wahnsinnig gemacht! Und ich fragte mich, was diese Person denn auf der Arbeit macht. Jedem Satz folgte noch einer und noch einer und dann noch eine Anmerkung, wo ich mir dann dachte: “Verflixt und zugenäht, hat die Person sonst keinen Lebensinhalt? Bin ich der einzige Fixpunkt in ihrem Leben?” Und eben diese Person ist so jemand, bei der es dann irgendwann in Abneigung umschlägt, wenn man es nicht so macht, wie sie es sich denkt. Ich nenne es einfach nur einen Versuch zur Manipulation: „Ich bin so ein armer Mensch, sieh dir mein Leid an, hilf mir, sei mein Freund und tue was ich will.“ Wobei der letzte Satzteil am ausschlaggebendsten ist: „Sei mein Esel, der all meine Lasten trägt.“

Eine andere Person hatte enorme Beziehungsprobleme (kommt bei uns übrigens am Häufigsten vor) und erzählte uns ihr Leid. Wir, von außen betrachtet, sahen ganz klar, woran es lag, aber die betreffende Person wollte nichts davon hören, bzw. es nicht wahrhaben. Schlussendlich kam es, wie es kommen musste: die Beziehung zerbrach.

Menschen, die Hilfe ausschlagen, da sie sich selbst nicht stellen wollen, bzw. ihre Schwächen nicht zugeben wollen, sind leider die häufigste Variante. Der Stolz des Menschen lässt es bei vielen nicht zu, dass sie Hilfe annehmen können und ja ich gebe zu, diesen Stolz zu überwinden, ist schwer! Aber den Menschen kann ich als Mensch dann auch nicht mehr helfen und der Kontakt muss beendet werden.
Meine Priorität gilt nicht anderen Menschen, sondern meiner Familie und mir selbst natürlich. Ich bin nicht da, um es anderen Menschen recht zu machen und anderen Menschen zu gefallen. Man kann und sollte jedem Menschen Hilfe anbieten, wenn er mit Sorgen, Nöten und Gebrechen zu einem kommt, sobald die Hilfe jedoch vergebens ist, muss man auch so stark sein, den Kontakt abzubrechen. Es gibt genügend Menschen, die dringend Hilfe benötigen und sie auch annehmen möchten, die dann durch so einen Menschen blockiert werden.

Rettung durch Christus und freie Entscheidung

Aber da ich Christ bin, weiß ich, dass besonders solche Menschen Jesus benötigen, um innere Heilung erfahren zu können. Innerlich kaputte Menschen, die offensichtlich ihr Leben nicht auf die Reihe bekommen, es aber selber nicht merken und die Schuld auch noch bei anderen suchen. Wahrscheinlich aus Eigenschutz, um sich den eigenen Problemen nicht stellen zu müssen. Es ist ein sehr schmaler Grat zwischen helfen und Selbstaufgabe. Ich fühle mich mittlerweile in der Lage unterscheiden zu können, welcher Mensch mich aussaugen möchte und welcher Mensch wirklich um Hilfe ansucht, weil er meint, diese über mich bekommen zu können. Das sind dann die Menschen, denen man Gott wirklich nahe bringen kann. Natürlich schließe ich die anderen weiterhin in meine Gebete mit ein, aber ich als Laie, ohne psychologische Ausbildung, kann bei diesen Menschen nichts ausrichten. Das war auch mein Lernprozess in den letzten Jahren: Ich kann nicht allen Menschen helfen! Einfach, weil viele die allumfassende Hilfe gar nicht wollen!

Ich bin nur ein Mensch. Ich bin bei weitem nicht perfekt. Kein Mensch ist perfekt. Niemand kann und darf von sich sagen, dass er alles weiß, einfach weil es eine Lüge wäre. Nur einer ist perfekt: Gott. Und wer mit Gott unterwegs ist, der darf sich sicher sein, immer jemand an seiner Seite zu wissen, dem es egal ist, wie und wer man ist. Der einen so liebt, wie man ist. Wer sich wirklich auf Gott einlässt, erfährt innere Heilung. Aber um Heilung erfahren zu können, muss man erst einmal zugeben, dass man einen Schaden und Schuld in sich trägt und das ist wahrscheinlich das Schlimmste für viele. Ich habe es für mich zugegeben und es war ein harter Schritt und natürlich ist mein Leben noch nicht zu Ende und es kommen immer weitere Schäden zu Tage, die bearbeitet werden müssen, damit ich ein freier und glücklicher Mensch sein kann, der seine Kraft für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens hat. Aber das ist ja das Gute an Gott, was ich bisher so erleben durfte, er schmiert einem die Fehler nicht alle komplett auf einmal aufs Butterbrot. Er lässt sich Zeit. Die Erkenntnisse kommen, wenn die Zeit reif dafür ist und dann erträgt man es auch. Aber diese Erkenntnisse muss man zu gegebener Zeit natürlich auch annehmen und man bekommt sie nur, wenn man fest mit Jesus verbunden ist und seinen Geist wirken lässt.

Jesus trägt all unsere Lasten. Er starb für uns alle am Kreuz, damit wir ein freies und befreites Leben führen können. Das Einzige was der Mensch tun muss ist: diese Hilfe anzunehmen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Foto von Andre Hunter auf Unsplash

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