Regel 2: Betrachte dich als jemanden, dem du helfen musst

Wusstet ihr, dass wir Menschen uns nachweislich besser um unsere Haustiere kümmern, als um uns selbst?

Wenn wir Medikamente verschrieben bekommen ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir sie falsch nehmen, vergessen, oder erst gar nicht aus der Apotheke holen, extrem hoch. Sogar bei Menschen mit z.B. einer Spenderniere, deren Medikamente für sie wortwörtlich überlebenswichtig sind! Selbst das Risiko einer Abstoßungsreaktion und die Aussicht auf mehrmals wöchentliche, beschwerliche Dialyse (Blutwäsche) ist nicht genug Anreiz, dass die Menschen ordentlich auf sich selbst schauen.

Sollte unser Haustier Medikamente brauchen sieht das ganz anders aus: da wird sich strikt an die Verordnung gehalten und der kleine Liebling fürsorglich gesund gepflegt.

Warum ist das so? Gute Frage!

Jordan Peterson greift hier die Geschichte aus Genesis Kapitel 1-3 auf, also die Schöpfungsgeschichte und den Sündenfall. Ich versuche mal, seinen Gedankengang so gut es geht zusammenzufassen.

Als Eva und Adam von der Frucht des Baumes der “Erkenntnis von Gut und Böse” aßen, wurden ihnen sprichwörtlich die Augen geöffnet.
Jordan Peterson interpretiert dies als den wahren Anfang des Ichbewusstseins, das nur wir Menschen besitzen.

Raubtiere wie Hunde und Katzen erlegen andere Tiere und fressen sie. Das liegt in ihrer Natur. Sie trifft keine Schuld, denn sie werden von Hunger getrieben, nicht von Bosheit. Sie besitzen nicht unser Bewusstsein.

Doch genau dieses Bewusstsein ist nötig für die vorsätzliche Grausamkeit, zu der nur wir Menschen im Stande sind.

Wir wissen um unsere Schutzlosigkeit, Endlichkeit, Sterblichkeit. Wir können Schmerz, Selbsthass, Scham, Angst und Entsetzen empfinden. Und wir wissen auch ganz genau, wie wir andere in Angst und Schrecken versetzen. Wir sind die einzige Spezies, die Schmerz um des Schmerzens willen zufügt.

Um Peterson zu zitieren:
Das ist viel mehr als der Riss eines Beutetiers, das ist ein qualitativer Unterschied, eine völlig andere Handlungskategorie.
(Hervorhebung vom Autor übernommen)

Durch unser Bewusstsein wissen wir, zu was wir im Stande sein könnten. Welche Boshaftigkeit und Schlechtigkeit in uns schlummert. Wie unzulänglich, hässlich, unvollkommen wir sind.
Petersons Schlussfolgerung: wieso sollte jemand, der im Inneren so abgrundtief böse und erbärmlich ist, es wert sein, dass man sich gut um ihn kümmert? Dass er Medikamente bekommt, wenn er krank ist?

Peterson hat sich in seinen Studien lange und ausführlich mit all den Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts – seinen Kriegen, Konzentrations- und Arbeitslagern etc. – auseinandergesetzt. Das kommt natürlich auch in seinem Buch immer wieder durch.

Er betont auch in Vorträgen und Interviews immer wieder, dass wir uns nicht fragen sollten, warum das Böse existiert, denn das gehört quasi zu unserer Grundausstattung.
Vielmehr sollten wir uns fragen, warum es das Gute gibt.
Warum die meisten Menschen ein gutes Leben führen, Familien gründen, das Richtige tun, einander unter die Arme greifen – kurzum: ihren Teil zu einer positiven Entwicklung dieser Welt beitragen.

Diese Tatsache empfindet Peterson als ein absolutes Wunder.
Das Gegengewicht zu dem Hass gegen sich selbst und die Menschheit sieht er in der Dankbarkeit für und dem Staunen über das, was normale Leute täglich zustande bringen.

WIR ALLE verdienen Achtung für diese täglichen Errungenschaften, und seien sie noch so “normal”. Wir sind für andere wichtig und spielen eine Rolle, wenn es um das Schicksal dieser Welt geht, egal wie klein sie auch sein mag. Darum haben wir die moralische Pflicht, auf uns zu achten.

Peterson fordert am Ende des Kapitels dazu auf, über die eigene Zukunft nachzudenken. Wir brauchen ein Ziel im Leben – und zwar ein sinnvolles, von dem nicht nur wir selber profitieren. Etwas, von dem auch andere etwas haben, und auf das man später mit Stolz zurückblicken kann.
Er interpretiert dieses Ziel unter anderem als den “Sinn”, der unsere erbärmliche Existens rechtfertigt.

Ich gebe zu, an diesem Kapitel hatte ich erstmal ordentlich zu kauen. Sehe ich mich selber wirklich so extremst negativ? Wenn ich wirklich in mich gehe, muss ich leider sagen: Ja.
Jeder kennt seine eigene Unzulänglichkeit am besten. Die manchmal bösen und grausamen Gedanken, die einem kommen.

Wie oft rede wir mit uns selber herablassend, verurteilend, geradezu bösartig.
“Du schaffst aber auch gar nichts!”
“War doch klar, dass du das nicht auf die Reihe kriegst. Du bist einfach zu blöd dazu.”
“Wann kapierst du endlich, dass du einfach nicht gut genug bist?!”

Dessen bin ich mir ja schon länger bewusst, (siehe mein Beitrag zur perfekten Frau) aber diesen Umgang mit sich selbst zu ändern ist echt schwerer, als ich dachte, und ich muss noch viel lernen!

Petersons Überzeugung, dass der Mensch von Grund auf böse ist, bestätigt die Bibel auch in 1. Mose 8,21:
Der HERR sprach: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.

Aber wir haben dank unseres Bewusstseins und des Wissens um Gut und Böse auch die Möglichkeit, uns für das Gute zu entscheiden. Die meisten Menschen tun dies Gott sei Dank auch. Und als Christen dürfen wir uns zusätzlich über Gottes Hilfe im Alltag freuen, das Richtige zu tun.

Im Gegensatz zum eher groben Umgang mit uns selbst behandeln wir (vor allem wir Frauen) Schutzbefohlene oder Hilfsbedürftige viel fürsorglicher. Oft gehen wir sogar so weit, uns komplett aufzuopfern, und landen dann im Burnout. Eine weitere Form von Selbstkasteiung? Unbewusst vielleicht…

Auch mit den Fehlern anderer gehen die meisten Menschen viel nachsichtiger um als mit den eigenen. Wie oft ist es mir schon passiert, dass ich mich selber für einen Fehler total fertig mache, und dann kommt iregendein Mitmensch daher und meint “Ach, halb so wild!” oder “Hätte mir auch passieren können.”

Und darum gilt eben Regel 2: Betrachte dich als jemanden, dem du helfen musst. Dein Umgang mit dir selbst ändert sich mit diesem Blickwinkel automatisch.

Hier geht’s zur Einleitung der Serie, wo ich die einzelnen Regeln nach Erscheinen der Beiträge verlinke.

Bild mit freundlicher Genehmigung von pixabay.com

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