Regel 5: Lass deine Kinder nichts tun, das sie dir unsympathisch macht

Ui, Erziehung, ein heißes Eisen heutzutage! Und Jordan Peterson (selbst zweifacher Vater) vertritt auch noch eine sehr konservative Ansicht dazu.

Der Grundgedanke hinter dieser Regel:
Wir Eltern sind ganz normale Menschen. Wir sind keine Heiligen. Wenn wir unseren Kindern zu viele Sachen erlauben (oder schlicht und einfach zu inkonsequent in der Erziehung sind), die sie uns unsympathisch machen (wenn sie uns vor anderen durch ihr Verhalten blamieren etc.), werden wir sie das früher oder später (bewusst oder unbewusst) spüren lassen, z.B. indem wir sie ignorieren, wenn sie uns etwas zeigen wollen, das ihnen Freude macht.

Alle Eltern, die das Lesen, werden jetzt denken: “Ich liebe meine Kinder, das käme mir niemals in den Sinn!”

Ich habe mich selber erst auch dagegen gewehrt. Inzwischen muss ich leider zugeben: Peterson hat absolut recht!
Da mein Mann derzeit aus beruflichen Gründen sehr wenig zuhause ist komme ich oft hart an meine Grenzen mit den Kindern. Und unbewusst habe ich meine Kinder auch schon für ihr Verhalten mit Gleichgültigkeit bestraft. Ich bin absolut nicht stolz drauf, und da mir dieses Verhaltensmuster jetzt bewusst ist, kann ich auch etwas dagegen unternehmen.

Peterson hat seine “Erziehungstipps” in 5 Prinzipien zusammengefasst.

1: Nur wenige Einzelregeln
Ordnung ist gut und richtig. Grenzen verleihen Sicherheit. Und Disziplin fördert Kreativität sogar eher, anstatt sie zu unterbinden.
Aber Vorsicht: auch ein Übermaß an Ordnungsmaßnahmen erzeugt wieder Chaos.

Im gesamten Buch kritisiert Peterson immer wieder die große Wende, die die 1968er Revolution bewirkt hat. Es gab plötzlich keine schlechten Kinder mehr, nur schlechte Eltern. Oder die “böse Gesellschaft” ist an allem schuld. Stabilisierende Traditionen und Werte wurden einfach dekonstruiert.
Dabei bestätigen uns die Zahlen, was eigentlich logisch sein sollte: mit steigendem Ordnungsgrad (Regeln) sind Gesellschaften schon immer eher friedlicher geworden als gewalttätiger.

Peterson gibt in seinem Buch konkrete Vorschläge für diese wenigen Regeln, ich zitiere hier mal ein paar (S.223):

  • Du sollst nicht beißen, treten oder schlagen, es sei denn, du musst dich wehren.
  • Du sollst anständig und mit Dankbarkeit essen, sodass andere Leute sich freuen, dass du da bist, und dich beim nächsten Mal wieder einladen.
  • Du sollst lernen, zu teilen, damit andere Kinder gern mit dir spielen.
  • Du sollst achtgeben, wenn Erwachsene dir etwas sagen, damit sie dich nicht doof finden und dir nichts mehr sagen.
  • Du sollst deine Sachen wertschätzen, denn nicht jeder hat so viel wie du.

2: Minimaler Gewalteinsatz
Ohne disziplinarische Maßnahmen kommt man in der Erziehung nicht aus. Die Frage ist nur, was wann und wie als Strafe eingesetzt wird. Hier gilt das Prinzip der abgestuften Reaktion.

Früh einschreiten mit möglichst geringen Maßnahmen, und Strafen konsequent, bewusst und vernünftig Einsetzen. Dabei muss man natürlich auf jedes Kind individuell eingehen. Beim einen reicht ein “böser” Blick, beim anderen muss man erst laut werden.

Peterson schreckt auch vor sogenannten Körperstrafen nicht zurück und empfiehlt gerade bei kleineren Kindern (2-4 Jahre) notfalls ein Schnipsen auf die Finger oder auch einen Klaps auf den Hintern. Wie gesagt nur in angemessenen Situationen.
Außerdem empfiehlt er die “stille Ecke” (oder Treppchen, Stuhl…). Begründung: das Kind wird nicht gänzlich verbannt, sondern darf in den Kreis der anderen zurückkehren und wird mit offenen Armen empfangen, sobald es sich wieder unter Kontrolle hat. Das heißt, das Kind kann gewinnen, nicht sein Ärger. Es lernt Impulsregulation.

Peterson betont übrigens, dass Auseinandersetzungen oder Machtspielchen zwischen Eltern und Kindern sehr wichtig und sogar förderlich für die Beziehung sind.

3: Eltern sind immer ein Paar
Alle Familienmodelle mögen ihre Berechtigung haben, aber sie sind bei weitem nicht alle gleich tragfähig. Zu zweit ist es besser für Eltern und Kinder. Wenn ein Elternteil Gefahr läuft, die Nerven zu verlieren, kann der andere unterstützend und schützend (für alle) eingreifen.

4: Eltern sollten begreifen, dass auch sie, nicht nur die Kinder, gemein, rachsüchtig, überheblich, wütend und verlogen sein können.
Siehe die Einleitung zu dieser Regel. Menschen sind nunmal nicht nur gut, sondern auch böse. Je bewusster uns das ist, desto besser können wir dem entgegenwirken.

5: Eltern agieren als die Stellvertreter der realen Welt.
Verständnisvoll und liebevoll zwar, aber dennoch Stellvertreter. Peterson sieht es als erste Elternpflicht, “das Kind so auf die Gesellschaft vorzubereiten, dass es dort wohlgelitten ist.” (S. 232)
Er findet das sogar noch wichtiger als die Förderung der individuellen Persönlichkeit. Denn ohne soziale Kompetenz nutzt einem Selbstbewusstsein, persönliche Entfaltung etc. gar nichts.

Wenn wir unsere Kinder vor allem Negativen schützen wollen, sind sie irgendwann mit dem Schlechten in dieser Welt überfordert, wenn es sie außerhalb ihrer sicheren kleinen Welt zuhause mit voller Wucht trifft.
Als Beispiel zieht Peterson hier das Märchen von Dornröschen heran.

Die Eltern wollen ihre Prinzessin vor allem Bösen schützen und laden die böse Fee nicht zur Taufe ein. Als diese doch erscheint und das Mädchen mit einem Fluch belegt, schwächt die gute Fee den Tod zur Bewusstlosigkeit ab, und die Eltern verbannen alle Spindeln aus dem Land. Ihre Tochter lassen sie dann von drei viel zu netten Feen irgendwo im Wald, weit weg von der Welt, aufziehen. Als Folge bleibt sie naiv, unreif und schwach.

Ihr kennt die Geschichte sicher: der Fluch erfüllt sich doch und sie sticht sich an einer Spindel. Das ist ein Symbol für den Verlust der Jungfräulichkeit, also dem Übergang vom Kind zur Frau.
Der todesähnliche Schlaf symbolisiert die Bewusstlosigkeit, die das überbehütete Mädchen dem Schrecken des Erwachsenwerdens vorzieht. So geht es vielen Kindern, die überbehütet aufwachsen: sie sind irgendwann von der Wirklichkeit überfordert und flüchten sich in eine Traumwelt.

Nachtrag vom 01.10.2019:
Mir fällt hier immer wieder ein, wie entsetzt andere Eltern manchmal sind, dass unsere Kinder Naturdokus anschauen dürfen, in denen gezeigt wird, wie Raubtiere Beute jagen und fressen. “Das kann man den Kleinen doch nicht zumuten” heißt es dann.

Auf diese Regel war ich von vornherein sehr gespannt. Ich habe ja schon einige Bücher zum Thema Kindererziehung durch und war neugierig, ob Peterson es schafft, dieses komplexe Thema wirklich mit dieser einen Regel zusammenzufassen. Und ich finde, das hat er.

Ich werde also in Zukunft vermehrt darauf achten, dass meine Kinder nichts tun, das sie mir unsympathisch macht.

Hier geht’s zur Einleitung der Serie, wo ich die einzelnen Regeln nach Erscheinen der Beiträge verlinke.

Bild mit freundlicher Genehmigung von pixabay.com
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