Pädagogin all INKLUSIve- aus der Blogserie #pädagogenerzählen

Mein Weg in die Pädagogik

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Schulkameradin, als ich in der siebten oder achten Klasse gewesen bin. Wir unterhielten uns damals in der Pause darüber, was wir gerne einmal werden wollen, wenn wir groß sind. Ihr war schon damals klar, dass sie eines Tages Ärztin werden möchte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt nicht den blassesten Schimmer davon, wo es für mich beruflich hingehen könnte, sollte ich meine Schulzeit einst gut überstehen. Sie schaute mich an und sagte: „Ich denke, du wirst mal etwas mit Kindern zu tun haben.“

Ich fing nach dieser Aussage laut an zu lachen. Wusste ich doch, dass ich alles bereit wäre beruflich in Angriff zu nehmen, ich jedoch nie, wirklich niemals etwas mit Kindern zu tun haben möchte, waren diese für mich doch einfach nur kleine nervige Menschen, denen man am besten aus dem Weg geht. Heute, ca. 17 Jahre später, arbeite ich als Pädagogin in einer Kindertagesstätte und kann nach einer langen beruflichen Suche für mich sagen: Ich bin Pädagogin aus Überzeugung und mit ganzem Herzen. Etwas anders zu tun, kann ich mir nicht mehr vorstellen!

Doch wie kam es dazu? Wie konnte aus mir eine Pädagogin werden und keine Juristin, so wie es der eigentliche Plan vorsah? Um ehrlich zu sein, eine wirkliche Antwort habe ich auf diese Fragen nicht. Ich kam zum Beruf der Pädagogin wie die Jungfrau zum Kinde. Die beste Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte, ist diese, dass mich der (die) Beruf(ung) fand, nicht umgekehrt.

Neuorientierung und Gedanken zur Inklusion: Mehr Schein als sein?

Nach einem abgebrochenen Jurastudium stand ich zunächst perspektivlos da und beschloss in der Schule, die gegenüber meiner damaligen Wohnung lag, anzufragen, ob ich nicht für ein paar Wochen dort hospitieren und mithelfen dürfe. Diese Schule war eine Schule für Kinder mit geistigen Behinderungen. Mein Angebot unterstützen zu wollen, wurde dankbar angenommen. Diese Wochen waren für mich einen prägende Zeit. Eine Zeit, die mir aufzeigte, dass das pädagogische Arbeiten möglicherweise doch eine Perspektive für mich darstellen könnte. Ich erlebte ein gutes Kollegium und konnte erfahren, welche tiefe Zufriedenheit und Sinnhaftigkeit Kinder einem schenken können. Nach beendeter Hospitation schrieb ich mich für das Lehramt an Grundschulen ein. Das Studium bereitete mir sehr viel Freude. Ich beschäftigte mich gerne mit pädagogischen Fragestellungen und lernte früh, mich mit unterschiedlichen pädagogischen Denkrichtungen und Schulen kritisch auseinanderzusetzen. Nach meinem ersten Staatsexamen ging ich mit Vorfreude und vielen Ideen im Kopf in den Vorbereitungsdienst und wurde gleich zu Beginn ordentlich ernüchtert.

All das, was ich im Studium über Inklusion und das Umsetzen einer inklusiven Pädagogik gelernt hatte, meine Meinung, die sich zur politischen Kontroverse rund um das Thema Inklusion weiter ausgebildet und geschärft hatte, durfte von nun an keine Rolle mehr spielen. Viel schlimmer noch als das: Ich musste am eigenen Leib erfahren, dass Inklusion in vielen Schulen und pädagogischen Einrichtungen mehr Schein als Sein und lediglich ein Schlagwort darstellt, das eine öffentlichkeitswirksame Anziehungskraft besitzt aber keinesfalls pädagogisch umgesetzt werden darf.

Diese Erkenntnis traf mich gleich im doppelten Sinne. Zum einen widerspricht es meinen eigenen pädagogischen Vorstellungen und zum anderen verletzte mich der Nicht-Umgang mit Inklusion auch persönlich. Denn ich bin eine Pädagogin, die selbst von Geburt an mit einer Diparese, also einer frühkindlichen Hirnschädigung lebt, welche sich in einer spastischen Gehbehinderung zeigt. Dass mich mein Dienstherr aufgrund der Behinderung für nicht geeignet für den Beruf der Lehrerin hielt, sagte man mir persönlich ins Gesicht und zeigt es mir auch durch etwa den Raum, den man mir zur Verfügung stellte, der sich im Keller des Gebäudes befand, zu dem kein Aufzug führte. Ich hing den Job als Lehramtsanwärterin in der Konsequenz also an den Nagel, beantragte meine Entlassung aus dem Dienstverhältnis und stand erneut vor der Situation, eine berufliche Neuorientierung vorzunehmen müssen. Mein Weg führte mich letztlich für zwei Jahre in die stationäre Kinder- und Jugendhilfe. Auch hier erlebte ich eine für mich prägende Zeit, die mein Handeln als Pädagogin erneut kritisch hinterfragte, auf die Probe stellte und mich weiter reifen ließ.

Hürden und Stolpersteine

Parallel zur Arbeit in der Jugendhilfe absolvierte ich einen Masterstudiengang in Inklusiver Pädagogik und Elementarbildung. Mit dem Master in der Tasche freute ich mich auf einen unbefristeten Vertrag beim Träger der heilpädagogischen Jugendhilfeeinrichtung, für den ich tätig gewesen bin, stellte man mir diesen doch in Aussicht. Doch auch hier erfolgte die Ernüchterung auf dem Fuße. Eine unbefristete Einstellung, so sagte man mir, wäre nicht möglich, da angeblich ein Einstellungsstopp vorliege und ich mir darüber hinaus überlegen solle, ob ich mit der Behinderung überhaupt für den Job als Pädagogin geeignet sei.

Nun, es bedarf wohl keiner weiteren Erwähnung darüber, dass das mit dem Einstellungsstopp ein Vorwand war, der nicht der Wahrheit entsprach. Die Tatsache, dass mir von einer Führungsperson in einer heilpädagogischen Jugendhilfeeinrichtung gesagt wurde, ich sei als Pädagogin mit Behinderung ungeeignet, traf mich nochmals tiefer. Ließ mich diese Aussage doch darüber nachdenken, welche Bilder und Vorurteile über Menschen mit Behinderungen in den Köpfen von Pädagogen und Pädagoginnen verankert zu sein scheinen. Vermutlich jene, dass Menschen mit Behinderungen hilfsbedürftige Wesen sind, denen nicht viel zuzutrauen ist. Und genau hier irren sehr viele Kollegen und Kolleginnen. Hier fehlt es an kritischer Selbstreflexion den eigenen Denkmustern und pädagogischen Handlungsweisen gegenüber, abseits jeglicher politischer Diskussion über Inklusion.

Ließ mich diese Aussage doch darüber nachdenken, welche Bilder und Vorurteile über Menschen mit Behinderungen in den Köpfen von Pädagogen und Pädagoginnen verankert zu sein scheinen.

Herantasten an die Möglichkeiten

Doch es gibt sie, die Pädagogen und Pädagoginnen, die sich über Inklusion ihre Gedanken machen. Die in einem inklusiven Miteinander eine Bereicherung erkennen und diese aktiv fördern. In meinem jetzigen Team habe ich solche Pädagoginnen gefunden, die sich gemeinsam mit mir auf eine inklusive Entdeckungsreise begeben und dabei Neues lernen und Altes hinterfragen. Meine eigene Behinderung ist für meine Tätigkeit als Integrationsfachkraft in einer Kita mit inklusivem Konzept ein Türöffner.
Ich erlebe jeden Tag aufs Neue, dass eine vorgelebte Inklusion Lernprozesse bei den Kindern, den Eltern, den Kolleginnen und mir selbst freisetzt. Es ist oft ein Herantasten, manchmal verbunden mit Enttäuschung und Frustration. Ein Kampf ob der Barrieren in den Köpfen vieler Mitmenschen aber doch in jedem Fall eine Reise, die es wert ist, angetreten zu werden.

Ein Kampf ob der Barrieren in den Köpfen vieler Mitmenschen aber doch in jedem Fall eine Reise, die es wert ist, angetreten zu werden.

Als Kind haben mir erwachsene Vorbilder mit Behinderungen gefehlt. Ich habe lange nicht gewusst, welche beruflichen Möglichkeiten
und Potenziale mir meine eigene Behinderung bietet und nun hoffe ich, als Pädagogin mit Behinderung den Kindern, mit denen ich arbeiten darf, ein Vorbild sein zu können. Für Kinder mit Behinderungen, um ihnen aufzugeigen, dass in ihnen viele Ressourcen schlummern, die es zu entdecken gilt und für jenen ohne Behinderungen, damit Inklusion für die heranwachsende Generation zukünftig mehr sein wird, als ein politisches Schlagwort.

Die Autorin lebt und arbeitet in Deutschland. Sie twittert über ihren Alltag als Pädagogin mit Cerebralparese als Cabelami.
Die Autorin lebt und arbeitet in Deutschland. Sie twittert über ihren Alltag als Pädagogin mit Cerebralparese als Cabelami.


Bilder mit freundlicher Genehmigung von Wahrheitssucher08 und Bild von Gerd Altmann auf Pixabay