Regel 9: Gehe davon aus, dass die Person, mit der du sprichst, etwas weiß, was du nicht weißt

Richtiges Zuhören ist eine Kunst, die man sich hart erarbeiten muss. Wenn man wirklich zuhören kann ist man eine Bereicherung für andere – und auch für einen selbst ist es nur von Vorteil.
Übrigens: Regel 8 (Sag die Wahrheit), Regel 9 und Regel 10: “Sei präzise in deiner Ausdrucksweise” ergänzen sich wunderbar. Zusammen sind sie die Schüssel zu gelungener Kommunikation.

Peterson hat in seiner Arbeit als klinischer Psychologe immer und immer wieder festgestellt, wie wichtig richtiges Zuhören ist. Als Psychologe kann es leicht passieren, dass man seine eigenen Gedanken (bewusst oder unbewusst) dem Patienten aufschwatzt.

Wie hört man denn nun richtig zu?

Beobachtet euch selbst einmal, wenn ihr mit jemandem ein Gespräch führt, grade wenn es um eine Meinungsverschiedenheit geht. Wir neigen grundsätzlich zu folgender Verhaltensweise: während der andere spricht, rattert es in unserem Kopf schon und wir überlegen, was wir ihm antworten könnten. Wir versuchen erst gar nicht, unser Gegenüber zu verstehen, sondern wollen nur unsere Meinung, unsere Sichtweise, darlegen.
Carl Rogers (US-amerikanischer Psychologe und Psychotherapeut) schrieb dazu folgendes:

“Die große Mehrheit von uns weiß nicht zuzuhören. Wir fühlen uns getrieben zu bewerten, da zuzuhören zu gefährlich ist. Dazu ist als Erstes Mut erforderlich, und den bringen wir nicht immer auf.”

Wenn wir jemandem wirklich zuhören und versuchen, ihn zu verstehen, laufen wir Gefahr, dass sich unsere eigen Meinung ändert. Im “schlimmsten” Fall könnte sogar unser gesamtes Weltbild zusammenbrechen.
Rogers schlug ein Experiment vor, um Zuhören zu lernen, das man bspw. während eines Streitgesprächs anwenden kann. Man solle das Gespräch kurz unterbrechen und folgende Regel einführen:

“Jeder kann erst dann in eigener Sache sprechen, nachdem er die Vorstellungen und Gefühle desjenigen, der vor ihm geredet hat, akkurat und zur Zufriedenheit des anderen wiedergegeben hat.”

Man soll also das, was der andere sagt, in eigenen Worten so lange wiedergeben, bis der Andere sagt “Ja, das will ich damit sagen.”

Ich kannte dieses Experiment bereits. Vor einigen Jahren haben mein Mann und ich einen Ehekurs besucht und in der Lektion über Kommunikation mussten wir diese Übung durchführen. Und auch, wenn es sich einfach anhört: die Gefühle und Gedanken eines anderen wiederzugeben ist gar nicht einfach! Es kann sogar verdammt schwer sein! Aber es hilft ungemein. Meiner Erfahrung nach nicht nur dem Zuhörer.

Sprechdenken

In noch einer Hinsicht ist richtiges Zuhören hilfreich:
Wir Menschen “Sprechdenken”. Das bedeutet, wir müssen oftmals erst mit jemandem über etwas sprechen, um uns klar zu werden, was wir wirklich fühlen und denken. Frauen neigen mehr dazu als Männer, aber grundsätzlich gilt das für alle Menschen.

Wenn ich merke, dass mein Gegenüber mir wirklich zuhört und wie in dem oben erwähnten Experiment Rückmeldung gibt, lerne ich auch, meine Gedanken zu ordnen und mich präziser auszudrücken. Mir selber passiert es immer wieder, dass ich während eines Gesprächs mit meinem Mann oder einer Freundin über ein bestimmtes Thema plötzlich merke, warum es mich so beschäftigt und/oder warum ich mich dabei so fühle.

Peterson schreibt davon zwar nichts in seinem Buch, aber ich kann mir gut vorstellen, dass sowas ähnliches passiert, wenn man seine Gedanken aufschreibt. Man kann sie erfahrungsgemäß dann besser ordnen und wird sich seiner Gefühle und Gedanken bewusst. Man hört sich quasi selber zu. Auch das will gelernt sein.

Natürlich bedeutet richtiges Zuhören nicht, dass man seine eigenen Gedanken und Gefühle zu dem Gehörten komplett ignoriert, das wäre kontraproduktiv für beide Personen. Man darf diese auch gerne wiedergeben – nachdem man sich bei seinem Gegenüber durch Rückmeldung die Bestätigung geholt hat, richtig verstanden zu haben. Hier ist aber dann Regel 8 sehr wichtig: ehrlich widerzugeben, wie es einem dabei geht:
Wie fühle ich mich bei dem, was mein Gegenüber sagt?
Was kommen mir für Gedanken?
Schoss mir ein Bild durch den Kopf?

Versucht das mal. Wendet diese Regeln in eurem nächsten Gespräch an und schaut, was dabei rauskommt.

Geht davon aus, dass die Person, der ihr zuhört, etwas weiß, das ihr noch nicht wisst.

Bild mit freundlicher Genehmigung von suju auf

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