Kinderlärm und die Mitmenschen

Kinder in der Stadt. Meine Gedanken zu: „Kinderlärm als störend empfinden“.

Sommer 2019, es war heiß. Die Kinder spielten lautstark im Planschbecken. Bespritzten sich gegenseitig mit Wasser, schrien, wenn jemand sie nass spritzte, spritzten zurück und der andere schrie und ich dachte mir intuitiv: “Wetten, dass sich gerade irgendein Nachbar aufregt, dass die Kinder zu laut sind?” Inzwischen wohl ein ziemliches Problem, in den Wohnsiedlungen: Menschen die sich maßlos darüber aufregen, wenn Kinder zu laut sind.

Da ich nun seit über sechs Jahren selbst Mutter bin, beschäftigt mich das Thema immer wieder, da bei uns natürlich auch schon Nachbarn kamen und beiläufig erwähnten, wir sollen dafür sorgen, dass unsere Kinder nicht so laut sind. Längere Zeit waren wir die einzig größere Familie in der Siedlung, deren Kinder auch regelmäßig im Garten spielten. Mittlerweile sind es zum Glück ein paar mehr und somit sind unsere Kinder nicht mehr die Einzigen, die herumtollen und lautstark spielen und es sagt schon länger keiner mehr was.

War es früher wirklich alles besser?

Ich erinnere mich an eine Aussage aus einem TV Format, in dem in Wien die Menschen aus großen Wohnsiedlungen vorgestellt und die zwischenmenschlichen Probleme behandelt wurden. Einige Ältere beschwerten sich, dass die Kinder früher nicht so herumgeschrien hätten. Auch wurde der hohe Ausländeranteil thematisiert und dass „die“ alle keinen Respekt vor den Alten hätten. Letzteres kann ich nicht beurteilen. Zwar wohnen hier in der Gegend auch einige Ausländer, aber es gibt nur sehr selten Zwischenfälle. Alles ruhige Zeitgenossen, außer es steht eine Hochzeit an, oder ein Beziehungsdrama wird ausgefochten. Sehr spannend für alle Nachbarn! Soap Opera life und unzensiert. Wie oft das in den letzten neun Jahren vorkam, seitdem wir hier leben, kann ich jedoch an einer Hand abzählen.

Waren die Kinder früher also ruhiger? Ich dachte darüber nach. Früher, wenn man die Bilder aus alten Zeiten sieht, war es wohl völlig normal, dass die Kinder auf der Straße spielten. Es gab noch nicht so viele Autos und somit war es wohl noch nicht so gefährlich, was für viele Eltern ein Grund ist, ihre Kinder nicht alleine draußen spielen zu lassen. Es gab noch nicht so viel Angebot an Kinderbetreuung, die Kinder waren mehr zu Hause bei ihren Müttern und da es auch noch keine Medienangebote gab, außer vielleicht bei den Reicheren einen TV, spielten die Kinder meistens und mehr im Freien. Die Kinder aus der Nachbarschaft spielten zusammen auf der Straße, rotteten sich in Banden zusammen und es gab, wie heute, frechere und bravere Kinder. Und ja, diese Kinder machten bestimmt auch Lärm beim Spielen! Außer, dass ihnen vielleicht Schläge angedroht wurden, bei Vergehen gegen bestimmte Ruhezeiten, waren die Kinder früher genauso wie die Kinder heute.  

In einem Beitrag, den ich las, wurde das Schreien der Kinder mit der Vernachlässigung der Eltern in Verbindung gebracht. Quasi Schreien um Aufmerksamkeit zu bekommen. Es war ein Beitrag, der die Smartphone Nutzung bei Eltern kritisch beäugte. Zu viel Aufmerksamkeit aufs Smartphone und die Onlinewelt, anstatt sich um die Beziehung zu den Kindern zu kümmern. Klang auch recht logisch. Allerdings müssten die Kinder dann früher auch viel geschrien haben, wenn die Mütter mit kochen, einkochen, putzen, bügeln, backen, beschäftigt waren und wenn die Kinder dabei störten, diese aus dem Haus geworfen wurden.
Auf jedes Jammern oder Weinen der Kinder eingehen? Das war bei den Generationen vor uns zum Teil fast schon ein Frevel, da die Gefahr gesehen wurde, die Kinder zu verhätscheln. Ich denke, den heutigen Kindern geht es verflixt gut. Es sind eher andere Dinge die Probleme bereiten, wie dass die Kids zu wenig Zeit bei ihren Eltern verbringen.  

Vor einiger Zeit sah ich einen Beitrag einer Frau, die ihre Geschichte erzählte. Sie erzählte ihre Lebensgeschichte und auch, wie ihre Eltern waren. Ihr Vater war wohl Schriftsteller und sobald dieser zu Hause war, musste es mucksmäuschenstill im Haus sein, damit er sich konzentrieren konnte. Wenn jemand laut war, bekam man Schläge. Ihr Vater war ein sehr ruheliebender Mensch und alle mussten darauf achten, dass der Vater genügend Ruhe bekam.

Woran liegt es, dass die Menschen Kinderlärm als störend empfinden?

Ehrlich? Solche Menschen kenne ich auch in der Gegenwart. Menschen, die absolute Ruhe benötigen, um sich wohlfühlen zu können. Und ich vermute, dass es u.a. solche Menschen sind, die sich durch Kinderlärm gestört fühlen.
Aber die Kinder können nichts dafür, dass dieser Mensch so empfindet! Wir leben zum Glück nicht mehr in einer Zeit, in der die Kinder aufgrund Befindlichkeiten eines Erwachsenen, in ihrem Sein unterdrückt werden. Kinder werden als eigenständige Menschen angesehen und nicht mehr als das Eigentum der Eltern, mit dem diese machen dürfen, was sie wollen. Heute ist eher das komplette Gegenteil der Fall, die Kinder dürfen (müssen) zu viel selbst entscheiden. Aber gut, das ist ein anderes Thema.

Außerdem glaube ich, dass die heutigen Menschen ständig zu viele Eindrücke haben und es zum Teil gar nicht mehr verarbeiten können. Sie kommen innerlich nicht mehr zur Ruhe und lassen dies an anderen Menschen aus. Anstatt ihr Leben umzukrempeln und an sich zu arbeiten, sollen andere ihr Leben umkrempeln, sollen andere sich ändern.

Früher mussten die Menschen auch viel arbeiten, ich denke sogar mehr als heute, aber die Art des Arbeitens war wohl anders. Kein Termindruck. Kein Erfolgsdruck. Man konnte viel gemütlicher Arbeiten und musste keine Angst haben, dass wenn man das Angebot oder den Auftrag nicht schnell genug fertigbekommt oder bearbeitet, ein anderer den Zuschlag bekommt und die Zahlungen ausbleiben, dass jeder Preis auch noch nachträglich aufgrund Kleinigkeiten gedrückt werden kann, oder gar nicht bezahlt wird.

Zudem die Onlinepräsenz, die jedes moderne Unternehmen inzwischen haben sollte und die damit verbundene Arbeit. Darin inkludiert die ständige Erreichbarkeit übers Smartphone. Viele Dienstleister sollen 24h erreichbar sein. Keiner hält sich mehr an Knigge, von wegen, dass man fremde Personen nicht vor 9 Uhr vormittags kontaktieren sollte oder nach 20 Uhr niemand mehr anruft.
Ich bekomme es innerfamiliär mit, dass Kunden am Sonntagmorgen anrufen, wegen Kleinigkeiten, die man gut am Montag hätte auch klären können. Was soll das? Bedenkt man nicht, dass jeder Dienstleister auch mal Pause zum entspannen benötigt, eine Familie hat?

Wenn man das weiß, ist klar, warum die Menschen keine Nerven mehr haben, nicht mehr zu Ruhe kommen. Ständig erschöpft und übermüdet sind.

Was soll weiterführend die Lösung sein? Mehr Freizeit, weniger Wochenarbeitsstunden, aber gleichviel Gehalt? Dass das nicht funktioniert, ergibt sich von selbst. Dazu der Freizeitboom. Es wird viel zu viel Geld in Freizeitaktivitäten gesteckt, oder Luxusgüter. Das Geld muss wieder erwirtschaftet werden und so dreht sich die Spirale, aus völliger beruflicher Verausgabung und folglich immer größerem Wunsch nach Ruhe und Erholung, immer weiter.

Natürlich denken, fühlen und handeln nicht alle so. Die Meisten, mit denen wir sprechen, sehen Kinderlärm als nichts Störendes an. Und darüber sind wir sehr froh! Ebenso wie viele andere Eltern, die ihre Kinder nicht immer in der Wohnung einsperren oder ihnen nicht ständig Aktivität oder Beschäftigung anbieten wollen, da sie der Meinung sind, dass sich die Kinder selbst beschäftigen lernen sollen. Kinder werden erst kreativ, wenn man sie auch mal der Langeweile überlässt.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Bild von Michael Gaida auf Pixabay, Foto von George Barker auf Unsplash und Foto von Tim Gouw auf Unsplash

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.