Der ungeküsste Frosch ließ sich scheiden

Im Sommer 2019 war es eine Schlagzeile in einem christlichen Onlinemagazin: Christlicher Eheberater Joshua Harris lässt sich scheiden. Fast hätte ich diesen Beitrag überlesen, da Scheidungen für mich in christlichen Kreisen mittlerweile leider nichts mehr Ungewöhnliches sind, aber irgendwie kam mir der Name dann doch bekannt vor. Nach dem Öffnen des Textes war mir dann auch klar woher. Es ist der Autor der Bücher „Ungeküsst und doch kein Frosch“- Teil 1 und 2.  

Mit diesem Buch (ich las nur Band 1) verband ich als Jugendliche nur eines: „Wenn ich einen Jungen vor der Ehe küsse, dann bin ich eine Sünderin.“ Und das zog sich bis ins junge Erwachsenenleben hinein.

Meine Jugendzeit verbrachte ich in einer christlichen Jugendgruppe, mit recht konservativen Ansichten zum Christentum. Es war nicht alles falsch, aber besonders in der Beziehung Junge Mädchen wurde sehr streng darauf geachtet, dass „nichts Falsches“ abläuft. So mussten Mädchen sich „züchtig“ anziehen, also keine engen bauchfreien Tops und keine kurzen Röcke oder zu kurze Hosen, wie es dazumal Mode war. Jungs sollten auch nicht zu kurze Hosen anhaben, was jedoch mit der damaligen Jungenmode ohnehin kein Problem war, da alles überweit und lang- die Mode der 90er.

So verbrachte ich also meine Jugend.

Ich liebte diesen Jugendkreis! Es war mein Anker, einmal in der Woche. Eine Flucht von zu Hause. Und auch wenn meine Pubertät schon voran schritt und sich innerlich das erste Interesse am anderen Geschlecht regte, unternahm ich keinen Versuch, es auch in die Tat umzusetzen. „Der Junge muss dem Mädchen den Hof machen.“, eine Meinung, die sich bei mir und meinen Freundinnen durchzog. Die Mädchen, die furchtlos auf die Jungs zugingen und sie umgarnten, wurden zwar bewundert, waren allerdings auch als Flittchen in Verruf. Ich glaube, selbst die Jungs waren davon zeitweise überfordert, da auch sie jahrelang eingehämmert bekommen hatten, dass alles körperliche Sünde sei. Und die Jungs, die dann dazumal eine Freundin hatten, suchten ihre Freundinnen oft nicht innerhalb der christlichen Gemeinschaft, sondern an anderen Orten, wie der Schule- die waren leichter zu bekommen (Unterstellung von mir).
Diese Bücher waren dem Trend sehr zuträglich und bestätigten alle in der Meinung, dass man sich dem anderen Geschlecht, außer zum Gespräch und zum Austausch, nicht nähern sollte. Kein Wunder, dass vor allem dann einige Mädels, sobald ihre Geschlechtsreife voll ausgebildet war, reißaus nahmen. Viele versuchten sich dann „in der Welt“ und es kamen viele nicht sehr schöne Dinge heraus, wie ganz früh heiraten, damit man Sex haben darf und ein paar Jahre später hörte man, dass das Paar sich scheiden lässt (was für mich heute ein Mangel an sexueller Aufklärung in den Ehevorbereitungskursen darstellt- welche in vielen christlichen Gemeinden Mode ist, damit man eine “gute und glückliche” Ehe führen kann), oder versehentliche Schwangerschaften von zum Teil dubiosen Typen. Zum Glück bekamen alle mir bekannten Frauen diese Kinder und führen, soweit mir bekannt ist, nach anfänglichen Startschwierigkeiten, heute ein gutes Leben.

Persönliche Probleme

Ich persönlich hatte selber enorme Probleme mit mir selbst, da ich eine Weile nicht wusste, zum wem ich mich hingezogen fühlen soll, zu Männlein oder Weiblein. Heute würde man das wahrscheinlich sehr ernst nehmen, wenn ich so etwas erzählen würde, es hatte bei mir jedoch einen ganz einfachen Grund, nämlich dass ich nie gelernt hatte, was es heißt, ein Mädchen zu sein. Alle Mädchen mit denen ich befreundet war, rasierten sich schon früh die Beine, machten sich aufwendige Frisuren, schminkten sich, zogen sich sexy Kleidung an. All das war von meinem Elternhaus aus verpönt, einfach weil meine Eltern Hippies waren, als sie zum freikirchlichen Christentum konvertierten und der Ansicht waren, das sei nicht nötig- unnötige Geld- und Zeitverschwendung. Kleidung die man mir kaufte, sollten möglichst auch noch meine Brüder tragen können und die Farbe Rosa war in den Augen meiner Mutter fast schon ein Verbrechen, weswegen ich wenig in dieser Farbe hatte. Barbiepuppen waren ebenso verpönt, da sie ein falsches Bild von Weiblichkeit vermittelten (im Grunde korrekt). Ich wurde so erzogen und behandelt, wie meine drei Brüder, also fühlte ich mich auch immer eher wie ein Junge. War nachträglich gesehen kein Schaden, da es aus mir das gemacht hat, was ich heute bin und ich mag mich heute, aber damals hatte es viel mit inneren Konflikten zu tun, die auch dazu führten, dass ich mich viel zurückzog und in meiner eigenen Gedankenwelt lebte.

Was mich auch unter anderem zu dem Entschluss kommen lässt, dass wenn man sich unsicher wegen dem eigenen Geschlecht ist, es oft mit psychischen, pubertären Unsicherheiten zu tun hat, oder mit fehlenden Vorbildern, wie eine Frau oder ein Mann zu sein hat- es also auf das Elternhaus zurückzuführen ist. (Bevor sich jetzt jemand aufregt, dass ist mein Zugang zu dem Thema.)

Allerdings mache ich meinen Eltern keine Vorwürfe deswegen, damals war enorm viel im Wandel, sie folgten den damaligen Normen in den christlichen Kreisen und ich darf froh sein, überhaupt das Christentum von zu Hause mitbekommen zu haben, auch wenn es nicht immer einfach war.

Zurück zum Thema.

Also näherte ich mich auch keinem Jungen, außer für normale menschliche Interaktion. Was wohl auch dazu führte, dass mein Mann der erste Mann war, den ich dann auch küsste (obwohl, da war noch ein schleimig-schlabbriger Kuss eines Dirndl-geilen Australiers auf dem Oktoberfest- BÄH!) und folglich dann auch zum erstem Mal Sex hatte.

Hat es mir im Nachhinein geschadet? Nein, würde ich nicht sagen, aber es hat zu viel innerlicher Zerrissenheit geführt. Und diese innerliche Zerrissenheit führte zu Dingen, die mich innerlich immer noch beschäftigen und zum Teil Schwierigkeiten in meiner Ehe auslösen. Ich möchte nun nicht diesem Buch allein die Schuld für alles geben, es passte zum damaligen Zeitgeist unter Christen, aber es war auch nicht förderlich für die gesunde Entwicklung eines Teenagers.

Josh Harris widerlegte wohl viele seiner Thesen im Laufe der Jahre und heute ist er ein geschiedener Mann. Woran das lag? Darüber kann man nur spekulieren und mich interessiert es ehrlich gesagt auch nicht. Ist nicht meine Sache.

Aber der ganze Vorgang bestätigte meine/ unsere Meinung, dass zu junge Menschen, die noch im geistigen Wachstum sind, deren Hormone voll in Wallung sind, die noch keine Beziehungs- und Lebenserfahrungen haben, nicht geeignet sind, um anderen Menschen Tipps für das Glaubensleben und auch für eine Beziehung zu geben. Gut, dass dieses Buch zum Festum für viele junge Christen wurde, das war wohl nicht seine Schuld. Das Buch hätte ja auch irgendwo in der Versenkung verschwinden können, wurde jedoch von vielen christlichen Gemeinden in den USA und in Europa ordentlich gepuscht.

Erst wenn ein Mensch genügend Lebenserfahrung gesammelt hat, auch selber geheiratet hat und das erfolgreich über ein paar Jahre hinweg, Kinder großgezogen hat, ist folgend dann auch in der Lage, anderen Menschen etwas zu predigen. Meine Meinung. Denn so ein Mensch ist in aller Regel in seinem Leben gefestigt, weiß wovon er redet. Logischerweise heißt das nicht, dass so ein Mensch nie Probleme hat, aber um junge Menschen zu beraten mehr wertvoll, als ein Jungspund.

Der Bericht von Josh Harris wurde auf dem Facebook Profil von jesus.de geteilt und mein Kommentar dazu, der die obige Aussage innehatte, wurde zum Teil sehr vehement abgewiesen. Warum? Keine Ahnung. Ich hätte, um meine These zu untermauern, vielleicht noch dazu schreiben können, dass Jesus auch schon 30 Jahre alt war, als er mit Wirken begann, obwohl er Gott und folglich allwissend ist. Er war nicht verheiratet und hatte keine Kinder, was Paulus ja auch rät, wenn man den Auftrag bekommt, Gott zu dienen. Denn dann kann man sich voll auf Gott konzentrieren und muss nicht an zwei oder drei Ecken kämpfen: Gott, Ehefrau, Kinder. Denn sobald ein Mann Frau und Kinder hat, lastet eine enorme Verantwortung auf seiner Schulter. Ein Mann ist vor Gott für seine Frau und seine Kinder verantwortlich. Familie hat also immer Vorrang.

Nicht umsonst sind viele Pastorenkinder, die man so von früher gekannt hat, irgendwann in ihrer Jugend vollkommen vom Weg abgekommen. Oder man hat gehört, dass sie vollkommen vom Weg abgekommen sind. Ein Pastorensohn den ich kannte, ist wegen einer Frau sogar zum Islam konvertiert. Etwas, was ich damals schockierend fand und mir aufzeigte, wie wenig von der Liebe Jesu in dieser Familie wohl zu finden war. Ein paar haben sich Gott sei Dank im Lauf der Jahre wieder gefangen, aber meistens weit weg entfernt von dem, was die Eltern unter Glauben verstanden. In den meisten Pastorenfamilien, die ich von früher kannte, hatte die Kirchengemeinde Vorrang vor der Familie und die Frau war meistens zu Hause komplett alleine für die Kinder verantwortlich. Wie kann man einen Vater zum Vorbild nehmen und ihn lieben und ehren, wenn dieser nie da ist? Und in Folge, wie kann man die Liebe Gottes begreifen, der als liebender Vater in der Bibel beschrieben wird, wenn man erkennt, dass der weltliche Vater einen nicht wirklich liebt?

Gut, kommen wir zum Schluss.

Derzeit ist vieles im Wandel bezüglich Christenheit und Sexualität. Viele Ansichten aus meiner Jugend wurden mittlerweile zum Glück auf den Kopf gestellt, denn es ist nicht förderlich für eine gesunde Mann Frau Beziehung. Viele Probleme in der christlich-ehelichen Ehe und Sexualität sind auf falsche Vorinformationen zurückzuführen. Ich hoffe, dass alle christlichen Ausrichtungen das Problem erkennen und dementsprechend handeln! Es heißt nicht, dass man sexuelle Zügellosigkeit zulassen soll, das wäre nicht biblisch, aber den jungen Menschen einen liebevolleren Umgang mit sich und ihrem Körper nahelegen und ihnen zeigen, was Mannsein und was Frausein wirklich bedeutet- gerade in der heutigen Zeit ein Mammutaufgabe mit vielen Missverständnissen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

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