Der sogenannte gesunde Menschenverstand

Immer wieder gelangen wir bei Unterhaltungen, über die Welt und wie sie sich dreht, beim gesunden Menschenverstand an und dass wir nicht verstehen können, wie die Menschen gewisse Dinge in unseren Breitengraden handhaben. Oft fällt der Satz: „Mit einem gesunden Menschenverstand würden sie es begreifen…“ Doch, was ist dieser gesunde Menschenverstand überhaupt?

Vor einiger Zeit machte ich eine kleine Umfrage auf Twitter, was denn der gesunde Menschenverstand sei, die Reaktion war fast durchwegs negativ. Von wegen, dass nur die Dummen sich auf den gesunden Menschenverstand berufen würden und man diesen eher auf der rechten Seite der Politik zuordnen könne. Ehrlich? Ich war schon etwas schockiert.

Was bedeutet für mich der gesunde Menschenverstand?

Dass man das Leben aus der Sicht seiner Prägungen, seiner Erziehung, seines Umfeldes, nüchtern und sachlich betrachtet und dann Rückschlüsse zieht.

Gut, wenn man es so sieht, könnte das mit der rechten Seite der Politik zutreffend sein, da ich aus einem katholischen Umfeld komme, auch wenn ich selbst nicht katholisch bin, und die daraus resultierende Wertekonservativität anscheinend gleich rechts bedeutet, wie ich die letzten Jahre erfahren musste. Die Gesellschaft um uns herum ist von klein auf geprägt mit den Lehren der katholischen Kirche und das färbt ganz klar ab. Allerdings finde ich das absolut nicht schlimm, in den meisten Fällen. Der Wert der Familie, bestehend aus Mann, Frau und Kindern wird zum Beispiel hoch geschrieben. Eine Meinung, welche ich ganz klar teile.

Selbstverständlich bin ich in meinem Leben auch schon Menschen begegnet, die nicht aus den Prägungen dieser Gesellschaft hier stammen, oder ihre Prägungen verleugnen und ihnen entkommen möchten. Lustigerweise verstehe und verstand ich mich schon immer am besten mit den ostdeutschen Bürgern, die häufig in den Allgäuer-/Bodenseeraum oder eben nach Vorarlberg kommen, wegen der Arbeit. Manche kommen als Leiharbeiter und gehen nach ein paar Jahren wieder, manch andere verlegen ihren Lebensmittelpunkt hier her. Warum? Weil der Verdienst in einigen Berufen um einiges höher ist, vor allem in der Pflege und im Handwerk.
Dadurch bekam ich mit, dass die Ostdeutschen, wenn gläubig, eher evangelisch geprägt, oder Atheisten sind, die mit dem Gott der Bibel absolut nichts anfangen können. In meiner Jugend war es meinen (ostdeutschen) Freunden egal, wenn ich sagte, ich glaube an den Gott der Bibel. Es wurde schulterzuckend akzeptiert, mit den Worten: „Schön, dass du an etwas glaubst, ich könnte daran nicht glauben.“, und das Thema war erledigt. In den letzten Jahren, und auch wegen diesem Blog hier, wurden die Diskussionen immer schärfer, bis hin, dass ich als dumm hingestellt wurde, weil ich an Gott glaube und wertkonservative Meinungen vertrete. Aber das betraf nicht nur die aufgelistete Personengruppe, auch wenn diese, jedenfalls bei mir, am vehementesten waren.

Immanuel Kant stellte Weichen für die weitere Entwicklung. Anfangs deutlich selbst Popularphilosoph, bleibt der Aufklärer auch später – nach seiner polemischen Kritik am Missbrauch des gesunden Menschenverstandes durch einige Popularphilosophen[10] – ein großer Befürworter des gesunden Menschenverstandes.[11] Gesunder (Menschen-)Verstand ist für ihn „der gemeine Verstand, sofern er richtig urteilt.“[12] Diesen zu besitzen sei ein Geschenk des Himmels. Im Alltag sei er oft nützlicher als wissenschaftliche Erkenntnisse.[13] Kant formuliert drei Maximen für den erfolgreichen Gebrauch des gesunden/gemeinen Menschenverstandes:

  1. „Selbstdenken“
  2. „An der Stelle jedes andern denken“
  3. „Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken“[14]

https://de.wikipedia.org/wiki/Gesunder_Menschenverstand

Interessant erwähnenswert wäre an dieser Stelle noch, dass das Allgäu, sowie Teile des Bodenseeraumes (Bayern) und auch Vorarlberg katholisch geprägt und einer der wirtschaftsstärksten Regionen in Deutschland sowie Österreich sind. Gut, dafür sind sie auch die im Lebensunterhalt am Teuersten. Arbeiten gehen, fleißig, untadelig und strebsam sein, sind hohe Werte. Leider kippt dies gerade bei der jüngeren Generation.
Die Handwerksbetriebe nehmen am liebsten Lehrlinge aus dem ländlich-bäuerlichen Raum, weil diese noch ordentlich arbeiten können würden, so eine Aussage die ich hörte. Die Industriebetriebe sehen sich bei der Bewerbung nicht nur die Zeugnisse an, sondern begutachten auch die Familiensituation. Wer aus einer intakten Familie entstammt, von der Rückhalt zu erwarten ist und Werte gelebt werden, sind gern gesehene Bewerber. Allerdings sind alle am Jammern und Klagen, dass es keine anständigen Bewerber mehr gäbe. Mittlerweile müssen sich die Betriebe den zukünftigen Lehrlingen anbiedern, damit sie überhaupt noch an Arbeitskräfte kommen.

Der allbeklagte Fachkräftemangel kommt nicht von ungefähr.

Ich nenne das Werteverfall. Und in ein paar Jahrzehnten könnte es passieren, dass der Reichtum, den wir hier haben und leben, nicht mehr existiert. Besser gesagt, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinandertriftet. Diejenigen, die jetzt ordentlich arbeiten, die selbst auch strebsame Eltern haben und dadurch einen gewissen Reichtum aus eigener Arbeit und Erbe aufbauen können, werden diesen die nächsten Jahrzehnte gut halten und Vermögensaufbau betreiben können. Alle anderen werden eher am unteren Rand der Gesellschaft dümpeln. Der Mittelstand, welcher bisher immer alle aufgefangen hat, spaltet sich immer weiter in arm und reich auf. Außer, es kommt die häufig schwarz in die Luft gemalte Krise…

Was will ich damit sagen?

Sobald Menschen aus einer anderen Region kommen, andere Prägungen mitbekommen haben, fallen ihre Entscheidungen oftmals anders aus, als ich sie treffen würde.

Nehmen wir das mir am häufigsten vor Augen führende Beispiel, wie anders ich gerade die Ostdeutschen erlebte, nämlich bei der Familiengründung. Eine ostdeutsche Familie, wie ich sie kennengelernt habe, besteht ebenso wie hier, aus zwei Menschen die sich finden, sich lieben und irgendwann (früher oder später) beschließen gemeinsame Kinder in die Welt zu setzen. Danach trennen sich in einigen Punkten relativ schnell die Wege der Gemeinsamkeiten. Während es hier bei den meisten Familien normal ist, dass die Frau ein paar Jahre zu Hause ist und sich um Haushalt und Kinder kümmert, geht in der ostdeutschen Familie die Frau spätestens ein Jahr nach der Entbindung wieder arbeiten, aus Überzeugung. Was sicherlich an den kommunistischen Prägungen liegt. Ausnahmen bestätigen natürlich immer wieder die Regel! Und wie ich hörte, entscheiden sich in Ostdeutschland immer mehr Mütter aus Überzeugung und allen Widerständen zum Trotz für die Selbstbetreuung!

Was ich so mitbekomme kippt dieses Verständnis hier leider, da nicht mehr der gesunde Menschenverstand aus den Menschen spricht, sondern nur die Bedürfnisse der Wirtschaft. Geld regiert die Welt!

Mutter sein

Ich bin der Meinung, Mutter zu sein ist nicht nur etwas, was der Körper mit einem macht, es betrifft auch das Gehirn und die Instinkte. Sobald eine Frau Mutter wird, verändert sie sich. Sie wird in den meisten Fällen häuslicher, fürsorglicher und möchte nur das Beste für ihren Nachwuchs. Es entsteht ein Band zwischen Nachwuchs und Mutter, welches dafür sorgt, dass der Nachwuchs bestens betreut und versorgt wird. Der sogenannte gesunde Menschenverstand sagt mir, dass es nicht natürlich ist, wenn eine Frau ein paar Monate, bis ein Jahr, nach der Entbindung, das Kind in einer Betreuung abgibt, um irgendeinen Arbeitgeber zufrieden zu stellen. An einer Karriere zu feilen, die Beachtung findet, die einen vor den Augen der Menschen wertvoll macht, oder sei es nur, weil sie meint dies tun zu müssen, damit sie später eine Rente bekommt.

Die Mutterschaft ist für mich ein sehr großer Wert und sollte viel mehr Beachtung finden und als etwas Schönes und Erstrebenswertes dargestellt werden und nicht als etwas an der freien Entfaltung Hinderliches.

Ja, ich kann bestätigen, dass es einem viel abverlangt, dass man oft über seine Grenzen hinaus gefordert wird, dass es finanziell schwierig ist, dass man nicht mehr über sich selbst verfügen kann. Der Egoismus, die Ich-Bezogenheit, wird einem mit der Mutterschaft, mit der Elternschaft, von heute auf Morgen quasi ausgetrieben. Und das ist gut so! Sonst würde der Nachwuchs nicht lange überleben. Das menschliche Baby ist ein sehr hilfloses Wesen und es dauert viele Jahre, bis es sich selbst versorgen kann. Bis dahin sind die Eltern verantwortlich. Kein Fremder kann die Fürsorge und Liebe der Eltern ersetzen. Außer, man möchte das innige und für ein gesundes physisches und psychisches Aufwachsen wichtige Mutter-Kind-Band zerstören, welches in den ersten drei Lebensjahren des Kindes entsteht. Man weiß inzwischen, dass die Erfahrungen, die man in den ersten drei Lebensjahren macht, einen unterbewusst das ganze Leben lang begleiten. Die meisten können sich nicht an die ersten drei Lebensjahre erinnern, aber z.B. Ängste, die man das Leben lang hat, können aus diesen drei ersten Lebensjahren kommen. Bindungsängste, Angst allein gelassen zu werden, Angst vor Dunkelheit, …

Wer weitere Informationen dazu möchte, kann sich gerne mal mit der Bindungstheorie auseinandersetzen. Hier eine kleine Zusammenfassung: http://www.bindungstheorie.net/

Mein Familienbild

In der wertkonservativen Umgebung, in der ich großgeworden bin, ist nach wie vor der Mann der Ernährer der Familie. Er geht arbeiten, die Frau bleibt zu Hause und kümmert sich um den Nachwuchs. Und das möchten die meisten Männer auch so! Wie mir immer wieder erzählt wurde. Sie sind stolz darauf, wenn sie es schaffen, ihre Familie finanziell zu versorgen, es bestärkt sie in ihrer Männlichkeit. Was nicht heißt, dass sie ungerne Zeit mit ihren Kindern verbringen, im Gegenteil, viele würden sich mehr Zeit mit dem Nachwuchs wünschen.

Es gibt natürlich auch Fälle, und die häufen sich leider immer mehr, in der es der Mann nicht mehr schafft, die Familie finanziell über Wasser zu halten und die Frau ebenfalls zum Arbeiten gehen MUSS. Wir sprechen hier jedoch nicht von einer Freiwilligkeit und viele Frauen, mit denen ich die letzten Jahre sprach, die arbeiten gehen MUSSTEN, wünschten sich, es wäre anders und sie könnten zu Hause bei ihren Kindern bleiben. Einfach weil ihre Instinkte ihnen sagten, es wäre besser für das Kind.

Heute haben viele Frauen das Gefühl, sie müssen wider ihren Instinkten, wider ihren Erfahrungen, Prägungen und Gefühlen entscheiden, weil die Welt, die Gesellschaft um sie herum etwas anderes von ihnen erwartet. Die Wahlfreiheit fehlt. Eine Frau sollte frei wählen dürfen, ohne finanzielle Nachteile, ob sie lieber zu Hause bei den Kindern bleibt, oder wieder ins Erwerbsleben wechselt.

Und WENN eine Frau, eine Familie, es schafft alles unter einen Hut zu bekommen, mit Job und Familie, müssten selbstverständlich auch Möglichkeiten geschaffen werden, die dieses Spagat zulassen! Das ist nämlich die nächste Hürde. In vielen Fällen ist trotz des Wollens der Frau, eine Vereinbarkeit gar nicht möglich, da die Wirtschaft nur an Geld und Effektivität denkt und eine Frau mit Kindern sehr ungerne eingestellt wird.

Mütter werden seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen: https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/buero-co/muetter-werden-seltener-zu-bewerbungsgespraechen-eingeladen-16661185.html

Ende und Fazit

Das sind ein paar Beispiele, welche in sehr viele Meinungen und Entscheidungen bei mir mit einfließen und meinen sogenannten gesunden Menschenverstand prägen.

Demzufolge lehne ich neuartige Definitionen bezüglich Ehe und Familie ab. Es widerspricht all meinen Werten, Erfahrungen und Prägungen. Natürlich spielen alle aktuellen und zukünftigen Erfahrungen auch in meinen gesunden Menschenverstand mit ein und diverse Standpunkte könnten sich daher in Zukunft vielleicht verändern, aber der Grundstein lässt sich nicht verändern, den möchte ich nicht verändern. Natürlich spielen bei mir auch die Werte die die Bibel vermittelt eine große Rolle, die sich jedoch mit meinem gesunden Menschenverstand absolut nicht beißen, im Gegenteil, mein gesunder Menschenverstand und die Werte der Bibel sind absolut kompatibel.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Bild von ElisaRiva auf Pixabay

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