Sind Desinfektionsmittel im privaten Haushalt sinnvoll und wie wendet man diese richtig an?

Desinfektionsmittel sind zur Zeit Mangelware, jeder stürzt sich darauf, aus Angst vor dem Coronavirus. Auch und vor allem gesunde Privathaushalte nutzen nun Desinfektionsmittel zur regulären Reinigung. Doch, wie wendet man Desinfektionsmittel korrekt an? Und wusstet ihr, dass eine falsche Anwendung von Desinfektionsmittel mehr Schaden als Nutzen hat?

Desinfektionsmittel im professionellen Bereich

Ich bin gelernte Altenpflegerin und die Flächen- sowie die Händedesinfektion gehörten für mich zum Berufsalltag, auch wenn es nicht so häufig war, wie im klinischen Krankenhausalltag, bei dem die Patienten fast täglich wechseln und folglich viel mehr desinfiziert werden muss. Im Altenheimalltag wird meistens nur dann desinfiziert, wenn ein Zimmer wieder frei wird, oder alle paar Monate nach einem festgelegten Rhythmus, bei Oberflächen die z.B. mit Körperflüssigkeiten in Berührung kommen. Es wird in den Essensausgabebereichen, dort wo die medizinischen und pflegerischen Instrumente lagern und in Bereichen mit offenen Wunden und ansteckenden Krankheiten, desinfiziert.
Um korrekt desinfizieren zu können, benötigt es eine Einweisung in das zu benutzende Desinfektionsmittel. Meistens ist es ein Konzentrat, welches mit Wasser angemischt wird und das genaue Mischverhältnis und die Einwirkzeit zwingend beachtet werden muss, denn sonst ist es nicht wirksam. Das Händedesinfektionsmittel ist fertig angemischt, da dort eine rückfettende Komponente mit dabei ist, damit die Hände nicht austrocknen. Jedoch wird empfohlen, die Hände nach dem Dienst einzucremen, da die Hände durch häufiges waschen und desinfizieren trotzdem nach einer Weile austrocknen und somit die natürliche Hautflora geschädigt wird, was ein gefundenes Fressen für Keime wäre.

“In privaten Haushalten sind Desinfektionsmittel weitgehend überflüssig”, sagt Ralf Dieckmann vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). “Wägt man Nutzen und Risiko von Desinfektionsmitteln gegeneinander ab, überwiegen ganz klar die Risiken”, sagt der Chemiker. Das BfR, das Robert Koch-Institut und das Umweltbundesamt raten schon lange davon ab, Desinfektionsmittel zu benutzen.

https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2017-06/hygiene-desinfektionsmittel-keime-bakterien-gesundheit-risiko

Bei potenziell infektiösen Materialien wird der Gebrauch von Einmalhandschuhen für den Selbstschutz empfohlen, welche jedoch nach jedem Arbeitsschritt gewechselt werden müssen, da diese sonst zu einer enorm großen Keimschleuder werden. Auf einem Einmalhandschuh sammeln nicht innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl von Keimen an, weswegen auch an den Wurst- und Käsetheken mittlerweile von dem Einsatz von Einmalhandschuhen abgeraten wird. Lieber öfter die Hände waschen!

Desinfektionsmittel im Privathaushalt

Für die Privathaushalte bekommt man Desinfektionsmittel in jedem Discounter. Beworben mit: „99,9% der Bakterien, Pilze und spezielle Viren, werden abgetötet!“ Da fragt man sich automatisch: Was ist mit dem Restlichen null Komma ein Prozent? Der gesamte private Haushalt ist ein in sich geschlossenes System. Dort tummeln sich viele, viele Bakterien und Keime. An manchen Orten, wie zum Beispiel dem Kühlschrank, mehr, an anderen weniger. Durch eine regelmäßige Reinigung mit haushaltsüblichen Reinigern, werden diese Keime in Schach und in einem für den Menschen nicht schädlichen Maß gehalten. Im Gegenteil, Keime und Bakterien sind für den Menschen sogar lebenswichtig! Auf jedem von uns leben Millionen kleiner Mikroben, die dafür sorgen, dass das leicht saure Hautmilieu erhalten bleibt. Ohne gesunde Haut ist der Mensch schutzlos und Erreger können in uns eindringen. Durch einen unsachgemäßen Umgang mit Desinfektionsmitteln werden auch die wichtigen und guten Keime und Bakterien abgetötet und somit schaden wir uns selbst und werden folgend erst recht krank. Besonders bei den Discounterdesinfektionsmitteln ist Vorsicht geboten, da diese eben auch viele wichtige Bakterien und Keime abtöten, aber nicht vollständig, wodurch ein kleiner Prozentsatz übrigbleibt, der sich dann ungehindert vermehren kann, da keine natürlichen Feinde mehr vorhanden sind. Lieber mit Seife und normalen Reinigern putzen, ist besser für Haut und Umwelt.

All das überzeugt dich nicht? Oder du musst aufgrund von Erkrankungen, ausgelöst durch Viren, deinen privaten Haushalt desinfizieren? Dann bitte auf die korrekte Anwendung achten!
Denn falsch angewendete Desinfektionsmittel bringen rein gar nichts, ja mehr noch, sie schaden dir mehr, als dass sie dir nutzen.

Wie wendet man Desinfektionsmittel richtig an?

Händedesinfektion:

  1. Entnehmen Sie dem Spender eine ausreichende Menge Desinfektionsmittel (2 Hübe aus Spender (3-5 ml)). Führen Sie nun die Händedesinfektion nach folgender Technik (DIN EN 1500) durch. So werden alle Handflächen sicher benetzt.
  2. Handfläche auf Handfläche reiben.
  3. Rechte Handfläche über linkem und linke Handfläche über rechtem Handrücken reiben.
  4. Handfläche auf Handfläche mit verschränkten, gespreizten Fingern reiben.
  5. Außenseite der Finger auf gegenüberliegende Handflächen mit verschränkten Fingern reiben.
  6. Beide Daumen vollständig einreiben.
  7. Geschlossene Fingerkuppen der rechten Hand in der linken Handfläche reiben. Dann umgekehrt.

Flächendesinfektion:

Bei der Flächendesinfektion wird von einer Sprühdesinfektion abgeraten, da dabei Bereich ausgelassen werden, sowie der Sprühnebel zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen kann. Besser ist eine Wischdesinfektion. Dafür setzt man eine Desinfektionslösung an und bringt die Lösung mit einem Wischtuch auf der zu desinfizierenden Fläche auf. Folgend eine Anleitung:

  1. Flächendesinfektionsmittel wirken nur dort, wo sie hingelangen: Die zu desinfizierenden Flächen müssen vollständig mit dem Flächendesinfektionsmittel benetzt werden – wobei „benetzt“ hier gerade ein falsches Bild suggeriert, denn dieses Netz darf keine Maschen haben. Grobe Verschmutzungen können verhindern, dass das Flächendesinfektionsmittel flächendeckend aufgetragen wird, und sollten vor der Desinfektion durch die Reinigung beseitigt werden.
  2. Flächendesinfektionsmittel wirken erst nach Einhaltung der Einwirkzeit: Flächendesinfektionsmittel benötigen eine gewisse Zeit, um Mikroorganismen abzutöten bzw. zu inaktivieren. Die jeweiligen Einwirkzeiten sind auf dem Etikett angegeben. Müssen Flächen gemäß “RKI Empfehlung Flächendesinfektion” nach der Behandlung abgewischt werden (z. B. Im Lebensmittelbereich) darf dies erst nach Ablauf der Einwirkzeit geschehen, um das Flächendesinfektionsmittel nicht vor Entfaltung der Wirksamkeit zu entfernen.
  3. Nur richtig dosierte Flächendesinfektionsmittel können wirken: Flächendesinfektionsmittel werden in Konzentrate und gebrauchsfertige Lösungen unterschieden. Die Anleitung zur Flächendesinfektion (teilweise auch auf dem Etikett) gibt vor, in welchem Verhältnis das Flächendesinfektionsmittel zu verdünnen ist. Wer hier spart, spielt mit der Gesundheit der Schutzbefohlenen, denn zu schwach dosierte Flächendesinfektionsmittel töten nicht alle Keime ab. Eine Überdosierung führt womöglich zu Schmierfilmen und Materialunverträglichkeiten und ist ebenso zu vermeiden. Flächendesinfektionsmittel richtig dosieren:
    • Die genauen Dosierangaben sind dem Produktetikett bzw. dem Dosierplan zu entnehmen.
    • Zuerst wird der Mischbehälter (Eimer, Instrumentenwanne) bis zur benötigten Marge mit klarem Wasser gefüllt.
    • Die erforderliche Menge des Desinfektionsmittels wird mithilfe einer Dosierhilfe (Dosierflasche, Dosierkopf) abgemessen.
    • Das abgemessene Flächendesinfektionsmittel (Konzentrat) wird in den Behälter gegeben und vermengt.

Nun kommen wir zum beliebtesten Thema in dieser Zeit: Dem Coronavirus und dem damit verbundenen übermäßigen Kauf an Desinfektionsmitteln.

Die WHO rät angesichts des Coronavirus, die Hände regelmäßig mit Seife zu waschen und Desinfektionsmittel zu verwenden. Was allerdings die meisten nicht wissen: Viele Desinfektionsmittel schützen gar nicht gegen das Coronavirus. Sie helfen nur gegen Bakterien. Desinfektionsmittel, die gegen Viren (also auch gegen das Coronavirus) helfen sollen, müssen zu rund zwei Dritteln aus Alkohol bestehen sowie den Zusatz “begrenzt viruzid”, ” begrenzt viruzid PLUS” oder “viruzid” haben. Durch Desinfektionsmittel mit diesem Zusatz ist es möglich, behüllte Viren, zu denen auch die Coronaviren gehören, zu deaktivieren. 

Tipp: Desinfektionsmittel selbst herstellen nach Rezept der WHO (es gibt viele weitere Videos, wem das folgende nicht gefällt)

Bezüglich Desinfektion von Kleidung schrieb ich schon einmal im Zusammenhang mit Stoffwindeln. Siehe folgenden Beitrag:

Die meisten Bakterien und Keime werden bei einer Waschtemperatur von 60°C, in Verbindung mit Vollwaschmittel, abgetötet.

Hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag helfen und wünsche euch allen eine gute und hoffentlich virenfreie Zeit! Bleibt gesund.


Anleitung von Burda, um eine Atemschutzmaske selbst zu nähen: https://s3.eu-central-1.amazonaws.com/burda-product-cms/default/2020-03/DL-Anleitung_Maske_1_und_2_MM_3.pdf


Quellen:

https://www.pflegen-online.de/keimschleuder-einmalhandschuhe

https://www.hygienewissen.de/schulungsmodule/haendehygiene/haendedesinfektion/

https://www.medic-star.de/ratgeber/vom-flaechendesinfektionsmittel-bis-zur-flaechendesinfektion-eine-einleitung

https://www.wetter.com/news/coronavirus-diese-desinfektionsmittel-schuetzen-nicht_aid_5e627e6fe83bcf3d975b692d.html

https://www.who.int/health-topics/coronavirus#tab=tab_2

https://www.bfr.bund.de/cm/343/antimikrobielle-produkte-im-haushalt.pdf

Bild mit freundlicher Genehmigung von Bild von Kreuz_und_Quer auf Pixabay

2 Replies to “Sind Desinfektionsmittel im privaten Haushalt sinnvoll und wie wendet man diese richtig an?”

  1. Hallo:-)
    Ich finde es toll, dass du dieses wichtige (und oft falsch interpretierte) Thema hier auf deinem Blog ansprichst! Ich komme selbst aus dem medizinischen Bereich und weis wie wertvoll Desinfektionsmittel gerade in der aktuellen Lage ist!

    Alles Gute und liebe Grüße,
    Susanne

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