Alles hängt am Selbstwert

Vieles, über was ich hier schreibe, das verstehen nur Frauen, soviel ist mir klar geworden. Besonders im Bereich der Sexualität ticken Männer und Frauen vollkommen verschieden. Frauen denken eher oben und Männer eher “unten”, wenn ihr wisst was ich meine und dadurch machen sich Frauen auch viel mehr Gedanken um alles und lassen viel mehr Aspekte in diese wunderschöne Tätigkeit mit einfließen, was auch zuweilen recht hinderlich sein kann.

Alles beginnt bei der Frau eigentlich mit ihrem Selbstwert. Mag eine Frau sich gerne, findet sie sich hübsch und attraktiv, ist für sie alles viel einfacher. Eine Frau präsentiert sich anders, auch ihrem Mann gegenüber.

Dabei spielt natürlich auch eine entscheidende Rolle, wie der Mann über die (seine) Frau denkt und spricht, aber nicht nur. Wenn der Mann die Frau immer nur niedermacht, sie sei nicht hübsch, sie solle mal abnehmen, die Kleidung sei nicht schön usw., wird die Frau den Sexualakt wahrscheinlich auch nie richtig mit ihm genießen können. Entweder macht sie ihm alles recht, schaut nur auf ihn und lässt sich selbst dabei völlig schleifen, oder sie lässt es einfach über sich ergehen. Eine mental gesunde und selbstbewusste Frau lässt sich jedoch im Idealfall nie auf so einen Mann ein. Sie weiß wer sie ist und was sie wert ist und sucht sich einen Partner, der ebenfalls dieselbe mentale Stärke besitzt und seinen Wert nicht über eine Frau sucht. Männer die (ihre) Frauen niedermachen, besitzen oft selbst keinen Selbstwert, sie fühlen sich nur dann gut und stark, wenn sie ihre (eine) Frau erniedrigen können. Dass so etwas nicht gesund ist, ergibt sich von selbst. Daher wäre es eigentlich von enormer Wichtigkeit, wenn Frauen (Männer natürlich auch) sich erst um ihren Selbstwert kümmern, bevor sie sich auf eine Beziehung einlassen.

Und nein, auch wenn es heute oft so scheint, dass alle Frauen so selbstbewusst und emanzipiert seien, es ist oft mehr Schein als Sein. Ich erlebe es in Gesprächen immer wieder, dass Frauen im Grunde häufig haltlos sind. Wo man sich vielleicht früher an einen Mann anlehnen konnte, ist das heute nicht mehr erwünscht, die Frau MUSS selbstständig sein und DARF SICH NICHT nach männlicher Stärke sehnen. Darauffolgend ist natürlich auch ein Problem, dass es kaum noch Männer gibt, die diese Kriterien erfüllen. Ein liebevoller, mental starker Mann, ein Mann der seine Frau so liebt wie sie ist, ein Mann der seiner Frau auch mal das Feld überlassen kann ohne eifersüchtig zu sein, ein Gentleman, ein Mann der weiß was er will, der es versteht zu führen und trotzdem seine Frau auf Händen trägt, ist nach wie vor der Wunschtraum vieler Frauen (natürlich gibt es auch vollkommen das Gegenteil). Woran das liegt, dass das heute oft nicht mehr so ist, wäre nun jedoch ein vollkommen anderes Thema.

Ich würde mich als selbstbewusste Frau beschreiben- meistens. Aber dann gibt es doch die Phasen im Leben, in denen das Selbstbewusstsein sehr arg hinkt und leidet, meistens, wenn das Leben gerade sehr stressig und kräftezehrend ist, das schlägt auf die Psyche. Jedenfalls bei mir. Und ich denke, da geht es anderen Frauen auch nicht anders. Wenn man in so einer Phase ist, schlägt sich das auf alle Lebensbereiche nieder, auch und vor allem auf die Paarbeziehung und somit automatisch auf die gemeinsame Sexualität. Da benötigt es einen verständnisvollen Partner, der diese Macken aushält und sich an das Eheversprechen hält: “In guten, sowie in schlechten Zeiten treu zu sein.” Natürlich hilft auch die christlich biblische Sicht von Ehe und Familie, um in dieser Zeit einen Anker zu haben.

Noch ein wichtiger Punkt, der jetzt ganz auf mich persönlich zutrifft: Frau muss sich auch mal was gönnen können! Das klingt für die Männer, deren Frauen das Geld ungezügelt ausgeben wahrscheinlich falsch, aber es sind nicht alle Frauen so!

Es gibt Frauen und da zähle ich mich dazu, die immer denken, dass es schon so passt wie es ist: “Ich brauch nichts Neues”, “der Frisör ist doch nur Geldverschwendung, was das immer kostet!” “Die Klamotten von letztem Jahr tun’s doch auch noch, sind zwar schon etwas ausgebleicht und ausgebeult, aber solange sie noch passen…”, “Und… ach warum Geld für schöne und sexy Unterwäsche ausgeben? Trägt man doch eh nie, rausgeschmissenes Geld.” Die bekannte schwäbische Sparsamkeit, die ich von zu Hause übernommen habe: Ich bin es mir selbst nicht wert, mir mal was Neues und Schönes zu kaufen, zu gönnen. Das Geld muss zusammenbleiben! Es gibt wichtigere Dinge als mich und mein Aussehen. “Das braucht es doch nicht!”

Wenn man das jahrelang so betrieben hat, befinden sich irgendwann keine schönen Klamotten mehr im Schrank, man läuft nur noch in ausgebeulten alten Klamotten herum, die Frisur sieht aus wie Ar*** und Zwirn und man fühlt sich einfach nicht mehr hübsch. Dazu kommt noch, dass die Figur durch Schwangerschaften sehr gelitten hat und man daher gar keine Lust hat, was Neues zu kaufen, da man weiß, man müsste zwei drei Nummern größer kaufen, als noch vor fünf Jahren. Sehr deprimierend das Ganze.

Ziel ist es, dass man sich (ich mich) schön finde(t), so wie man ist (ich bin)!

Klar kann man sich vornehmen abzunehmen, aber das ist ein Prozess und geht nicht von heute auf morgen und sich bis zum Wunschgewicht schlecht fühlen? Wer so denkt, wird dann ziemlich wahrscheinlich auch mit seinem Wunschgewicht nicht glücklich sein, sofern er es jemals erreicht. Sprich, wer immer nur denkt: “DANN, wenn DIES oder JENES erreicht ist, werde ich mich glücklich und frei fühlen, beginnt mein Leben und alles wird besser”, wird wohl nie glücklich und frei sein. Es beginnt im Heute, Hier und Jetzt. Und dazu zählt es auch sich schön zu kleiden, oder sich ab und an einen Friseurbesuch zu gönnen, oder mit den dann neuen Klamotten mit dem Partner schick essen zu gehen- das gute Essen zu genießen! (Scheinbar können Frauen, die Essen nicht genießen können, auch Sex nicht genießen.)

Genuss. Genießen können, auch gutes Essen genießen können, sich selbst gut finden, so wie man ist. Einen Selbstwert besitzen. All das ist für eine Frau notwendig, um die Sexualität mit ihrem Partner in vollen Zügen und aktiv genießen zu können.

Es ist ein immerwährender Lernprozess für Mann und Frau. Einen Selbstwert zu besitzen ist etwas Wunderschönes, denn man ist nicht abhängig von der Bewertung anderer, sondern weiß, wie viel man selbst wert ist. Der Selbstwert wird im Idealfall in der Kindheit erlernt, durch ein liebevolles Elternhaus. Falls dies nicht der Fall war, muss dieser sich mühsam selbst angeeignet werden, man muss über den eigenen Schatten springen und sich selbst etwas zutrauen, sich selbst lieben lernen und somit auch seine Vergangenheit, die eigene Erziehung, die Beziehung zu den Eltern aufarbeiten. Aber, es lohnt sich!

Bild mit freundlicher Genehmigung von Bild von Jill Wellington auf Pixabay

10 Replies to “Alles hängt am Selbstwert”

  1. Ein sehr guter Artikel!

    Ich fand nur den ersten Satz zu negativ: „Vieles, über was ich hier schreibe, das verstehen nur Frauen, soviel ist mir klar geworden.“ Ich bin ein Mann und meine, dass ich den Artikel auch ganz gut verstehen konnte. Ich erlebe sicher manches nicht so, wie im Artikel beschrieben, aber da ich das Beschriebene nachvollziehen kann, hilft der Artikel mir gerade, Frauen und insbesondere meine Frau besser zu verstehen. Das ist doch toll.

    Über die rundherum positive Einstellung zum Selbstwertgefühl, die der Artikel versprüht, freue ich mich ganz besonders. Die Wichtigkeit eines starken Selbstwertgefühl sollte immer wieder mal betont werden, gerade, da unter Christen Selbstwertgefühl oft als etwas negatives angesehen wird. Interessanterweise gab es ja von eurem Blog noch kürzlich diesen Tweet, in dem behauptet wurde, das Ich würde nicht zählen. Widerspricht das nicht völlig der Wichtigkeit des Selbstwertgefühls? Aus deinem Artikel lese ich jedenfalls heraus, dass du dir selbst schon sehr wichtig bist und das auch richtig findest. Dein Ich zählt also in deinen Augen offenbar doch. Ich finde das gut so.

    1. Danke, das freut mich!

      Ich unterhielt mich vor kurzem mit jemand im privaten Bereich, der meinte, dass besonders unter den deutschen Christen die Sache mit dem Selbstwert ein heikles Thema war und dies deswegen nicht gefördert, ja mehr noch, in manchen Gruppierungen regelrecht ausgetrieben wurde. Ich erinnere mich an den Tweet und er war anders gemeint. In der Bibel steht, dass der alte Mensch sterben muss, wenn man zu Jesus gehören will, damit ist das geistige Ich gemeint. Der Geist, der heilige Geist zieht ein und alles Alte wird dadurch vertrieben, muss vertrieben werden, sonst kann das Heilige keinen Platz in uns finden. Denn, der Mensch ohne Gott ist nicht heilig, ohne Sünde und Gott kann mit seinem heiligen Geist nur dort Platz finden, wo keine Sünde ist.

      Ein starkes Selbstwertgefühl, welches auf Jesus gegründet ist, ist sogar sehr wichtig. Nur wer sich selbst mag, liebt, kann auch anderen Liebe schenken. Und wenn Jesus mit uns und in uns lebt, seine Liebe mit uns ist, geben wir seine Liebe weiter, die viel größer, schöner und intensiver ist, als menschliche Liebe, die häufig auf Egoismus beruht. Man kann auch sagen, der egoistische Mensch muss sterben, der alles nur aus Eigennutz macht.

      1. Danke für die Klarstellung!

        Ich habe es früher schon erlebt, dass Leute gegen das „Ich“ waren und auf Nachfrage meinten, sie meinten den alten Menschen. Wenn es der alte Mensch ist, welcher nicht mehr zählen soll, scheint erst einmal alles in Ordnung zu sein.

        Warum allerdings sagt man nicht „alter Mensch“, wenn man den alten Menschen meint, sondern spricht vom Ich? Auch der neue Mensch, der ich bin, ist mein Ich. Es ist mein neues Ich, die erlöste Variante von mir.

        Ich vermute, dass diejenigen, die diese Terminologie „Ich = alter Mensch“ ursprünglich eingeführt haben, tatsächlich der Meinung waren, das Ich eines Menschen wäre grundsätzlich der alte, sündige, unerlöste Mensch und Erlösung würde das Ich eines Menschen, seine Identität, seine Persönlichkeit zerstören und nur noch eine passive Hülle übrig lassen, durch welche Gott wirkt. Zu dieser Sicht passen dann auch die klassisch evangelikalen Selbstverleugnungspredigten, die jegliche persönliche Wünsche und Neigungen als sündig betrachten, mit Sprüchen wie: „Gib dein Selbstbewusstsein in den Tod“ (Werner Heukelbach).

        Wer heute vom Ich spricht, wenn er lediglich den alten Menschen meint, hat vielleicht diese menschenfeindliche Sicht gar nicht, aber durch Verwendung dieser Terminologie transportiert er dennoch diese alte Lehre von der grundsätzlichen Schlechtigkeit der menschlichen Persönlichkeit. Leute wie ich, die auf die genaue Bedeutung von Worten achten, empfangen dann notgedrungen die Lehren von damals, welche viel unnötiges Leid angerichtet haben. Man sollte daher am besten „alter Mensch“ sagen, wenn man den alten Menschen meint. Die Bibel spricht ja auch nicht vom Ich.

        Aber schön, dass wir an dieser Stelle dieses Missverständnis anscheinend ausräumen konnten und uns einig sind, dass wir uns selbst als wertvoll betrachten können und sollen – weil wir wertvoll sind (wie alle anderen Menschen auch).

      2. Ja, jeder Mensch ist wertvoll und man darf sich als wertvoll vor Gott betrachten.

        Mich wundert nur immer, dass du das alles nur auf die evangelikalen Bewegungen zurückführst. Ich stamme aus einer sehr katholischen Gegend (Allgäu) und ich fand den Katholizismus in dem Punkt immer anstrengender, besonders die Altkatholiken, waren sehr stark auf Sünde und Buße fixiert und dass sie nichts wert sind. Wallfahrten, Prozessionen, Marienbildchen und Kreuze mit Jesus noch dran überall, regelmäßige Beichte, alles nur, damit man seine Schuld und Sünde immer und immer wieder sühnt. Da kam mir der evangelikale Ansatz, dass man von aller Sünde befreit wurde, wenn man Jesus in sein Leben einlädt, viel freier vor. Man musste nicht mehr ständig auf seinen Sünden herumreiten und immer und immer wieder um Vergebung ansuchen. Man sollte einzig und alleine auf dem neuen Weg bleiben und nicht mehr in die sündige Natur des alten Menschen zurückfallen, was nur dadurch erreicht werden kann, wenn man fest bei Jesus bleibt.

        Von dem Ausgangspunkt aus, kam es dann natürlich in einigen evangelikalen Bewegungen zum regelrechten Hass auf das Ich des Menschen und den Menschen wurde eingeredet, dass sie selbst nicht gut sind. Was ein grober Fehler war und ist. Denn dies widerspricht Gottes Liebesbekundungen an den Menschen. Wir, die wir zu ihm gehören, sind seine Kinder! Und jedes Kind ist einzigartig und Kinder machen Fehler, ständig, aber deswegen liebt ER uns trotzdem. Gute Eltern erziehen ihre Kinder, aber machen keine leblosen Hüllen aus ihnen, die stupide, ohne selbst nachdenken zu können, etwas folgen.

      3. Dass ich hier ausschließlich die evangelikale Bewegung kritisiere, liegt daran, dass ich in dieser zum Glauben gekommen und geistlich aufgewachsen bin. Ihre Probleme kenne ich daher genauer und habe auch unter ihnen gelitten.

        Dass der Katholizismus ein Gesetzlichkeitsproblem hat, ist mir völlig klar. Tatsächlich ist der Katholizismus in meinen Augen die institutionalisierte Gesetzlichkeit. Ich habe an ihm viel zu kritisieren, aber seine Gesetzlichkeit ist meines Erachtens sein schlimmstes Problem.

        Ich stimme mit dir darüber überein, dass der Evangelikalismus gnadenorientierter als der Katholizismus ist. Allerdings finde ich, dass der Evangelikalismus inkonsequent in Sachen Gnade ist und damit durchaus Parallelen zum Katholizismus zeigt. Wo man beim Katholizismus Wallfahrten und Beichte braucht, benötigt man beim klassischen Evangelikalismus zum Beispiel regelmäßige Bitten um Vergebung.

        Auch das von dir Geschriebene fällt meines Erachtens in diese Kategorie: „Man sollte einzig und alleine auf dem neuen Weg bleiben und nicht mehr in die sündige Natur des alten Menschen zurückfallen, was nur dadurch erreicht werden kann, wenn man fest bei Jesus bleibt.“ Ob man zum Schluss erlöst ist, hängt also immer noch vom eigenen Verhalten ab. Man muss bei Jesus bleiben und das auch noch fest. Laschheit kann also zur Verdammnis führen. Im Raum steht die Warnung, man könne wieder in die sündige Natur zurückfallen. Das kann man aber meines Erachtens nicht. Der alte Mensch ist gekreuzigt und damit tot, wir sind neue Menschen. Es geht jetzt nur noch um die „Feinjustierung“; die grundsätzliche Frage der Erlösung ist geklärt. So sehe ich das jedenfalls.

        Lass es mich mit einem Bild beschreiben: Ein Mensch befindet sich in der stürmischen See, kann eigentlich gar nicht schwimmen und läuft Gefahr, jeden Moment zu ertrinken. Eine Religion, die Selbsterlösung fordert, sagt so einem Menschen, er müsse ans Ufer schwimmen. Der Evangelikalismus sagt dagegen, dass der Ertrinkende einen Rettungsring zugeworfen bekommt, an dem er sich festhalten kann. Der Ring ist an einem Boot befestigt, welches von Gott ans Ufer gefahren wird. Der Mensch ist sicher, solange er sich am Rettungsring festhält. Sollte er allerdings loslassen, weil er vielleicht zu schwach oder mal kurz leichtsinnig ist, kann er durchaus ertrinken. Ich meine allerdings, dass Gott dem Menschen keinen Rettungsring zuwirft, sondern ihn einfach ins Boot holt. Dort kann sich der Mensch völlig fallen lassen. Er kann sogar ohnmächtig werden. Trotzdem wird er, anders als beim evangelikalen Ansatz mit dem Rettungsring, nicht ertrinken. Er ist sicher.

      4. Nun ja, da gibt es, wie du sicherlich auch weißt, zwei theologische Ansätze. Die einen sagen, dass man vom Glauben abfallen kann, die anderen behaupten, einmal erlöst, immer erlöst. Erstes lässt einen in der Angst zurück, man könnte sein Heil verlieren, das Zweites gibt einen Freifahrschein, von wegen, du kannst tun und lassen was du willst, Gott wird dich deswegen nicht verurteilen. Beides halte ich für falsch.

        Es gibt schon Warnungen in der Bibel, dass man sich nicht gegen den heiligen Geist versündigen darf und dass man auf dem richtigen Weg bleiben soll, es ist also nicht egal, was man als Christ tut. Auf der anderen Seite, wenn jemand wirklich fest mit Jesus geht und mit dem Geist Gottes sein Leben lebt, der verspürt gar nicht den Drang ein Leben zu führen, welches gegen die göttlichen Grundsätze spricht.

        Solange der Mensch lebt, geht Gott ihm nach, gibt ihn nicht auf. Aber ob er deswegen gleich seinen Platz im Himmel verspielt, wenn er mal vom Weg abkommt? Jeder Christ hat Phasen im Leben, in denen er Zweifel hat, aber das heißt nicht, dass man vom Glauben abgefallen ist, wie es diverse Freikirchenkreise interpretieren.

      5. Ja, diese beiden Ansichten sind mir natürlich bekannt: Die eine besagt, man könne vom Glauben abfallen, die andere, man könne das nicht.

        Nun sagst du aber, du hältst beide Ansichten für falsch. Wie ist das denn möglich? Diese Ansichten sind genau gegenteilig. Eine von beiden muss also wahr sein. Kann man (prinzipiell) vom Glauben abfallen? Entweder das ist möglich (wenn auch vielleicht nur unter bestimmten Bedingungen) oder es ist (grundsätzlich) nicht möglich. Eine dritte Variante gibt es nicht.

        Ich glaube tatsächlich, dass es diesen Freifahrtschein gibt, aufgrund dessen ich tun und lassen kann, was ich will. Gott wird mich natürlich nicht verurteilen, denn er hat meine Sünde (auch betreffs der Zukunft) bereits in Jesus verurteilt.

        Heißt das, dass mein Leben völlig aus dem Ruder laufen wird? Nein, denn ich bin ein neuer Mensch, der eine ganz andere Orientierung und ganz andere Möglichkeiten hat als mein alter Mensch, welcher früher lebte. Dieser neue Mensch wird nicht einfach wild drauflos sündigen.

        Ich vermute, viele Leute, die an die Verlierbarkeit des Heils glauben, haben genau diese Befürchtung, dass ein Gläubiger ein durch und durch sündiges Leben führen würde, wenn die Drohung des Heilsverlusts nicht im Raum stehen würde. Schließlich wissen wir ja, wohin es führt, wenn Menschen ungehindert tun und lassen können, was sie wollen. Diese Sicht verkennt aber, dass eine Neugeburt stattgefunden hat. Menschen, die tun und lassen, was sie wollen, sind nur dann so gefährlich, wenn sie nicht erlöst sind. Wenn Erlöste tun und lassen, was sie eigentlich wollen, dann tun und lassen sie genau das Richtige.

        Dieses Argument geht ein bisschen in die Richtung dessen, was du auch schreibst: „Auf der anderen Seite, wenn jemand wirklich fest mit Jesus geht und mit dem Geist Gottes sein Leben lebt, der verspürt gar nicht den Drang ein Leben zu führen, welches gegen die göttlichen Grundsätze spricht.“ Der Unterschied ist, dass bei dir immer noch Bedingungen mitschwingen (wirklich fest mit Jesus gehen, mit dem Geist Gottes sein Leben leben), während ich glaube, dass alle tatsächlichen Bedingungen mit der Neugeburt automatisch erfüllt sind.

      6. “Der Unterschied ist, dass bei dir immer noch Bedingungen mitschwingen (wirklich fest mit Jesus gehen, mit dem Geist Gottes sein Leben leben), während ich glaube, dass alle tatsächlichen Bedingungen mit der Neugeburt automatisch erfüllt sind.”

        Das ist dann tatsächlich der Unterschied bei uns beiden. Ich glaube tatsächlich, dass wenn man bewusst Jesus verleugnet, obwohl man schon die Freiheit in Christus hatte, das Heil verlieren kann. Der Mensch kann sich wieder bewusst gegen Christus entscheiden, auch wenn er schon durch Jesu Blut erlöst wurde, dies zieht jedoch dann massive Konsequenzen nach sich. Klar, Gott lässt einen nicht mehr los, von seiner Seite kommt es zu keinem Bruch, aber wir können Gott wieder loslassen. Da kam dann der Ansatz in diversen Ausrichtungen, dass dieser Mensch dann nie wirklich bekehrt war, was ich jedoch nicht glaube. Genauso wie man freiwillig ins Licht gehen kann, kann man sich auch freiwillig der Finsternis zuwenden. Daher ist es eben NICHT egal, was der Mensch tut.

      7. Damit hältst du dann natürlich doch einen der beiden genannten theologischen Ansätze für richtig, nämlich den, gemäß dessen man vom Glauben abfallen kann. Ich kann nicht ausschließen, dass dieser Ansatz richtig ist, habe aber große Zweifel daran.

        Ich vermute, unsere unterschiedliche Einschätzung in dieser Frage hat viel mit unseren Vorstellungen von Erlösung zu tun.

        Du schreibst: „Genauso wie man freiwillig ins Licht gehen kann, kann man sich auch freiwillig der Finsternis zuwenden.“ Die Aussage, dass wir freiwillig ins Licht gehen, klingt für mich stark nach der typisch evangelikalen Aussage, dass zum Glauben Kommende „eine Entscheidung für Jesus treffen“.

        Ich dagegen messe dem Menschen eine viel kleinere Rolle bei der Erlösung zu. Meines Erachtens ist nicht nur die Erlösung als solche ein Geschenk Gottes, sondern auch der Glaube an Jesus. Ein Mensch entscheidet sich demnach nicht für Jesus und geht auch nicht freiwillig ins Licht: die Hinwendung zu Jesus kommt nicht aus dem Menschen. Vielmehr bewirkt Gott, dass der Mensch, welcher ja von Natur aus ein Feind Gottes ist, überhaupt glaubt.

        Glaubt man nicht an die Möglichkeit des Abfalls, stellt sich natürlich die Frage, was mit den Menschen ist, die augenscheinlich vom Glauben abgefallen sind. Klar ist es billig, reflexartig zu behaupten, die scheinbar Abgefallenen wären in Wirklichkeit nie gläubig gewesen. Allerdings ist das durchaus möglich. Gerade, wenn ich sehe, wie oberflächlich das Thema Erlösung zuweilen in evangelikalen Jugendgruppen behandelt wird, kann ich mir gut vorstellen, dass viele der „Bekehrten“ gar nicht errettet sind. Wenn diese dann „abfallen“, ist das kein Widerspruch zur Ansicht, Gläubige könnten nicht abfallen.

        Darüber hinaus gibt es noch eine andere Möglichkeit: Die scheinbar Abgefallenen waren gläubig und sind es nach dem angeblichen Abfall immer noch. Woran erkennt man denn so genau, dass jemand nicht mehr glaubt? Da ist vielleicht ein Mensch, der sich aus der Gemeinde zurückzieht, seinen Partner verlässt und dem Alkohol verfällt. Ist dieser Mensch abgefallen? Natürlich wirft sein Verhalten Fragen auf, aber ein klarer Beweis für einen Abfall ist es nicht. Menschen ziehen sich auch aus Gemeinden zurück, weil sie von diesen berechtigterweise enttäuscht sind und sie als nicht reformierbar erleben (eigene Erfahrung), verlassen ihren Partner, weil sie sonst seelisch kaputt gehen würden (eigene Erfahrung), und verfallen dem Alkohol, weil sie mit den entstandenen Verlusten nicht klar kommen (Gott sei Dank keine eigene Erfahrung; mein Alkoholkonsum hält sich stark in Grenzen).

      8. Mit dem sogenannten Glaubensabfall wurde viel Schindluder getrieben, wie du anhand deiner Beispiele richtig schon aufgelistet hast. Es wurde jemand der Glauben abgesprochen, wenn dieser in die Disko ging, Rockmusik hörte, Rauchte, Alkohol trank, vor der Ehe mit seinem Partner geschlafen hat,… usw. daher mag ich den Begriff wohl nicht und sage deswegen, dass ich damit nicht einverstanden bin.

        In der Bibel ist von der sogenannten Sünde gegen den heiligen Geist die Rede, die ganz schlimm ist und die den Bund mit Gott zerbricht und es wird davor gewarnt, das wenn man sich von Jesus abwendet, die Dämonen ist x facher Zahl in einen zurückkommen, denn der Mensch wurde durch Jesu Blut frei, ein freies Gefäß und wenn dieser sich von Gott abwenden würde, hätten die Dämonen ein leeres Haus vor sich, dass sie voll besetzen. Und es wird auch explizit vor einem Abfall vom Glauben gewarnt, besonders zum Ende der Zeit hin. All das gibt einem schon zu denken.

        Ob das eine rein evangelikale Ansicht ist, weiß ich nicht, ist mir auch egal, denn ich lese in der Bibel und dann erkenne ich für mich die Dinge. Ebenso dass man eine Entscheidung für Jesus treffen MUSS.

        Aber schließen wir die Kommentare an dieser Stelle, denn es führt vollkommen am Ausgangsthema des Blogposts vorbei.

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